Saarbrückens OBM Uwe Conradt lädt Impfskeptiker in eine Bürgersprechstunde ein. Warum und wie die Gespräche liefen, sagt er im Interview.

In einer Bürgersprechstunde sprach Oberbürgermeister Uwe Conradt gestern Abend speziell mit Impfskeptikern. Mit der Sprechstunde, die online lief, suchte Conradt in der Coronakrise gezielt den Dialog mit Kritikern der Impfkampagne und tauschte diesbezügliche Argumente aus. Warum und wie die Gespräche liefen, erklärte Conradt anschließend im #stadtvonmorgen-Interview.

Impfskepsis: „Demokratie erfordert, dass wir im Diskurs bleiben“

#stadtvonmorgen: Herr Conradt, Sie sind gezielt mit Impfskeptikern in Dialog getreten. Was hat Sie dazu bewogen, dem Thema eine eigene Bürgersprechstunde zu widmen?

Uwe Conradt: Ich habe den Eindruck, dass in der gesellschaftlichen Debatte die Gräben, wenn es um das Impfen geht, sehr tief geworden sind. Demokratie erfordert aber, dass wir im Diskurs bleiben. Dazu gehört, dass wir die Wahrnehmungen, Ängste und entgegengesetzten Sichtweisen der anderen zunächst einmal respektieren. Ich meine, dass dies in den vergangenen Wochen und Monaten, vielleicht sogar seit Beginn der Pandemie nicht so stattgefunden hat. Demokratie und Debatte sind mehr als Talkshows und Wahlkampf. Sie leben vom Austausch in persönlichen Begegnungen, auf Veranstaltungen, in Biergärten, auch an Stammtischen. Nicht zuletzt aufgrund der Coronaregeln war dies aber nur eingeschränkt möglich. Das führt in vielen Fällen dazu, dass sich Menschen, die eine kritische Haltung bezüglich des Impfens haben, ungehört fühlen und in Internetblasen zurückziehen. Letztlich heizt dies die Spannungen an und fördert extreme Positionen, gar radikale Tendenzen. Das Vertrauen in den Staat, in seine Handlungsfähigkeit und in die Demokratie droht, ausgehöhlt zu werden. Dabei ist gerade beim Impfen Vertrauen ein wichtiger Faktor: Vertrauen in den Impfstoff, in seine Wirksamkeit und in ihn als wichtige Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie. Diese brisante Entwicklung gilt es zu durchbrechen. Der Ansatz der Bürgersprechstunde ist es auch, zu fragen, wo möglicherweise Vertrauen verlorengegangen ist.

Coronaimpfung: Befürchtungen in Gesprächen entgegentreten

#stadtvonmorgen: Auf welchen Anklang ist die Bürgersprechstunde des getroffen, was wurde besprochen?

Uwe Conradt: Natürlich habe ich die Gelegenheit genutzt, stets für das Impfen zu werben. Doch im Kern ging es darum, einen Gesprächsfaden aufzunehmen und Befürchtungen entgegenzutreten. Unter den Anrufern war kein grundsätzlicher Impfverweigerer und kein Coronaleugner, was die Frage nach verlorengegangenem Vertrauen besonders spannend machte. Eine Person sprach davon, dass in ihrem Fall medizinische Gründe gegen eine Coronaimpfung stünden. Eine andere verwies darauf, dass sie genesen sei. So zeigten sich in den Gesprächen unterschiedliche Argumente, warum Menschen sich nicht impfen lassen wollen. Aus meiner Sicht zeigten die Gespräche den Menschen, dass sie mit ihrer Position nicht von der Gesellschaft abgekoppelt sind. Möglicherweise ist es auch gelungen, hinsichtlich der Wichtigkeit des Impfens zum Nachdenken anzuregen.

#stadtvonmorgen: In der Ankündigung der Bürgersprechstunde haben Sie darauf hingewiesen, dass Sie mit Extremisten nicht sprechen und gegebenenfalls den Dialog abbrechen würden. Ist dieser Fall eingetreten?

Uwe Conradt: Nein. Es gab keine erkennbar politisch extremen Positionen. Alle Gespräche verliefen in der vereinbarten Länge.

Signal in die Stadtgesellschaft: Die Stadtpolitik hört zu

#stadtvonmorgen: Wie viele Gespräche haben Sie denn geführt?

Uwe Conradt: Es waren acht Einzelgespräche.

#stadtvonmorgen: Saarbrücken hat rund 180.000 Einwohner. Wie wollen sie mit acht Einzelgesprächen eine Breitenwirkung erzielen?

Uwe Conradt: Es geht auch, aber nicht nur um einzelne Gespräche. Das Gesprächsformat an sich ist außerdem ein Signal in die Stadtgesellschaft. Wenn auf Demonstrationen der Staat und die Demokratie verächtlich gemacht werden und sich rechtsextreme Tendenzen zeigen, dann müssen wir für Gegenteiliges eintreten. Wir müssen im Diskurs bleiben und dadurch die Demokratie und den Rechtsstaat stärken. Wie müssen zeigen, dass die Grundrechte gewährleistet sind, dass die Stadtpolitik den Menschen zuhört. Und dass es Foren des Dialogs gibt, wo jeder seine Meinung zum Ausdruck bringen kann. Die Bürgersprechstunde ist ein solches Forum, und sie wird nicht die letzte Möglichkeit des Austauschs in der Sache bleiben.

„Vertrauen in Staat und Wissenschaft nicht verlieren“

#stadtvonmorgen: Welches sind denn Ihre Erkenntnisse nach den Gesprächen?

Uwe Conradt: Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir uns in der Gesellschaft als Menschen begegnen und uns nicht gegenseitig am Impfstatus festmachen. So wichtig das Impfen als zentrales Element der Pandemiebekämpfung ist – wir dürfen Ungeimpfte nicht darauf reduzieren. Wir alle müssen uns als Menschen mit Bedürfnissen, Sorgen und Ängsten wahrnehmen. Umgekehrt bitte ich die Impfskeptiker um Vertrauen und darum, ihre Meinung nicht an Einzelfällen zu orientieren. Sicher lassen sich Fehler im Pandemiemanagement finden, wenn man danach sucht. Doch es gilt, die Perspektive zu erweitern, auch die Erfolge, die sich durch das Impfen ergeben, anzuerkennen und das Vertrauen in das Handeln von Staat und Wissenschaft nicht zu verlieren. Alles in allem müssen wir es schaffen, die Gräben in der Debatte nicht tiefer werden zu lassen, sondern Brücken zu bauen.

#stadtvonmorgen: Welche Rolle hat aus Ihrer Sicht die Politik dabei, haben Oberbürgermeister, Bürgermeister und Stadtlenker?

Uwe Conradt: Ich wünsche mir, dass wir mehr miteinander sprechen. Gerade Politiker haben eine besondere Vorbildfunktion. Jeder kann sich ja selbst fragen, wann er mit einem Impfskeptiker ernsthaft in einen Dialog getreten ist. Ich glaube, die von Ihnen angesprochene Breitenwirkung einzelner Bürgergespräche stellt sich dann umso stärker ein, je mehr Menschen in den Gesprächsmodus schalten.

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