Tübingen wagt in der Coronakrise mit einer lokalen Teststrategie modellhaft erste Öffnungsschritte. OBM Boris Palmer zieht ein Zwischenfazit.

Der Modellversuch, mit dem die Stadt Tübingen auf Basis einer intensiven, lokalen Teststrategie Öffnungsschritte in der Coronakrise wagt, steht vor einer Verlängerung. Dafür sprachen sich OBM Boris Palmer und die städtische Pandemiebeauftragte Lisa Federle gestern Abend im Anschluss an eine Sitzung des Stadtrats gegenüber den Parlamentariern aus. Palmer kündigte an, dem Land einen entsprechenden Vorschlag zu unterbreiten.

OBM Palmer wertet Tübinger Modellversuch als Erfolg

Gegenüber den Mitgliedern des Stadtrats zog Palmer ein Zwischenfazit des Projekts „Öffnen mit Sicherheit“. Die Stadt hat seit Anfang März den Einzelhandel, die Außengastronomie und Kultureinrichtungen wieder geöffnet. Grundlage dafür ist eine Teststrategie: Wer negativ auf das Coronavirus getestet ist, erhält das sogenannte Tübinger Tagesticket. Damit darf er die Betriebe und Einrichtungen aufsuchen. Aufgrund steigender Infektionszahlen kam es am 7. April jedoch zu einer Schließung der Außengastronomie.

Angesichts dieser Entwicklung wurde zuletzt Kritik am Tübinger Modellversuch laut – unter anderem von dem Bundespolitiker Karl Lauterbach. Diese weist Palmer in seinem Zwischenfazit zurück. Im Gegenteil habe sich das Infektionsgeschehen durch den Modellversuch nicht erkennbar negativ verändert.

Die Inzidenz in Tübingen liege noch immer bei 60 Prozent des Landesdurchschnitts. Zwar sei die Zahl der Infektionen tatsächlich gestiegen, der Anstieg falle relativ jedoch nicht höher als der des Landes aus. Insofern stehe Tübingen mit testbasierten Öffnungen im Landesvergleich keineswegs schlechter da als Kommunen, die Ausgangssperren und Notbremsen einsetzten. Gleichzeitig sorgten die kontrollierten Öffnungsschritte für eine höhere Lebensqualität in Tübingen.

Zudem liege bei den Testungen die Positivrate konstant bei rund 0,1 Prozent. Diese Konstanz deute darauf hin, dass das Infektionsgeschehen durch die Öffnungsschritte nicht zunehme. Zur Erhöhung der Inzidenzzahl in Tübingen hätten unter anderem die testbedingte Ausleuchtung des Dunkelfelds sowie eingrenzbare, separate Ausbrüche beigetragen.

Modellversuch etabliert eine lokale Teststrategie gegen die Coronakrise

Der Modellversuch untermauere die These, dass eine hohe Testdichte eine Kontrollwirkung auf das Infektionsgeschehen entfalte. Diese These wolle man durch eine weitere Steigerung der Testintensität zusätzlich erhärten, so Palmer. Der Oberbürgermeister zielt darauf ab, mithilfe zahlreicher Testungen das Infektionsgeschehen durchleuchten und so neue Infektionsketten rasch durchbrechen zu können. So will er den Reproduktionswert des Virus in der Stadt auf unter 1 senken und damit die Virusverbreitung eindämmen. Die Stadt sieht nun verpflichtende Tests unter anderem in Betrieben oder Kitas vor. Dies ist ein Aspekt für die Fortsetzung des Modellversuchs.

Darüber hinaus vermittele der Modellversuch die Erkenntnis, dass sich die Schnelltests als äußerst zuverlässig erweisen. Dies betrifft die Verifizierung positiver Testergebnisse. Davon bestätigten sich 80 Prozent bei nachfolgenden Untersuchungen. In einem weiteren Ansatz wolle man nun außerdem die Verlässlichkeit der Schnelltests im Falle negativer Testergebnisse stichprobenartig erforschen. Für diese Feldforschung habe das Land kürzlich 40.000 Euro bewilligt.

Zum Tübinger Modellversuch gehört der Aufbau einer lokalen Testinfrastruktur mit neun Stationen, die jeweils Kapazitäten für 1.000 Tests pro Tag haben. Pro Woche wird hier insgesamt über 20.000 Mal – in Spitzenzeiten über 35.000 Mal – getestet. Im Zusammenhang mit einer digitalen Lösung sei es gelungen, den Betrieb der Teststationen hocheffizient auszurichten und Wartezeiten zu reduzieren, so Palmer.

Testbasierte Öffnungsschritte als Alternative zum Lockdown

Für die Betriebe und Kultureinrichtungen, die von dem Modellversuch betroffen seien, lohnten sich die Öffnungsschritte wirtschaftlich. Sobald im Landkreis die luca-App zur Kontaktnachverfolgung verfügbar sei, wolle man die Öffnung der Außengastronomie abermals forcieren, sagt Palmer.

Um den Zustrom von Auswärtigen nach Tübingen, der die Ergebnisse des Modellversuchs verfälschen könnte, zu begrenzen, gebe man Tagestickets nur an Bewohner und Arbeitnehmer des Landkreises aus. Als Abbruchkriterium des Modellversuchs schlägt Palmer dem Land das Anwachsen der Inzidenz in Tübingen auf 75 Prozent des Landesschnitts vor.

Die Pandemiebeauftragte Federle verweist insbesondere auf die Lebensqualität, die die testbasierten Öffnungsschritte zurückbringen könnten. Derzeit zeichneten sich psychosoziale Folgen der Pandemie immer stärker ab. Vor allem Kinder und Jugendliche litten zunehmend mental unter dem Lockdown. Gleichzeitig sei es nicht zuletzt hinsichtlich möglicher neuer Mutationen des Virus ungewiss, wie lange noch gegen die Pandemie anzukämpfen sei. Allein auf die Impfkampagne dürfe man sich also nicht verlassen. „Wir müssen alternative Lösungen finden“, so Federle. Das Testen könne dafür ein Ansatz sein.

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