Offenbach drohte zum Coronahotspot zu werden. Die Stadt hat die Infektionszahlen wieder eingedämmt. Wie, erklärt OBM Felix Schwenke.

Die Stadt Offenbach drohte in der Coronakrise zum Hotspot zu werden. In den vergangenen Wochen häuften sich hier die Infektionszahlen. Die Zahl der Neuinfektionen stieg in der Zeitspanne von einer Woche auf über 50 pro 100.000 Einwohner. Der Stadt ist es nun gelungen, das Infektionsgeschehen wieder einzudämmen. Dafür wurden die Coronaregeln vor Ort verschärft. Nun sank die Zahl der Neuinfektionen auf etwa 20 pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Wie sich das Infektionsgeschehen vor Ort gestaltete und welche Maßnahmen die Stadt dagegen ergriffen hatte, erklärt OBM Felix Schwenke im Interview.

Drei Ursachen für steigende Infektionszahlen

OBM: Herr Dr. Schwenke, in Offenbach sind die Fallzahlen an Coronainfektionen zuletzt über die Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen gestiegen. Welches waren die Gründe für den rasanten Anstieg? Gab es ein Einzelereignis, sind Reiserückkehrer betroffen, oder ist das Virus schlicht in der Stadt? Woher kommt’s?

Felix Schwenke: Es gab drei Ursachen: Erstens waren die meisten Fälle Reiserückkehrende und deren Kontaktpersonen, die Heimatbesuche auf dem Balkan und in der Türkei gemacht haben. Zweitens gingen rund 20 Prozent der Fälle auf einen eher „Richtung Party orientierten“ Tourismus aus Kroatien und Spanien zurück. Drittens kam dann eine statistische Überzeichnung hinzu: Rund 25 Prozent unserer Fallzahlen hingen mit dem „Bayern-Effekt“ zusammen. Durch die dortige Verzögerungen meldete Bayern innerhalb von drei Tagen die Fälle aus elf Tagen. Das sorgt natürlich für eine statistische Verzerrung. An diesen Tagen hatten wir beispielsweise 22 und 15 neue Meldungen, während es sonst meist zwischen 7 und 10 Meldungen sind.

Handzettel, Plakate, Social Media: Infokampagne gegen den Virus

OBM: Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um gegen die Virusverbreitung vorzugehen?

Felix Schwenke: Seit dem 31. Juli läuft unsere große Informationskampagne – allein 44.000 mehrsprachige Handzettel wurden in Bussen, in Mietwohnungshäusern, Gemeinden, Geschäften und Reisebüros verteilt. Dazu kamen knapp zusätzliche 2.000 Plakate im ganzen Stadtgebiet. Parallel wurden die Informationen digital über Vereine und Communities verbreitet. Wir haben natürlich auch über die Medien informiert – unter anderem mit zwei live übertragenen Pressekonferenzen. Online erreichten wir 63.246 Seitenansichten allein in der Woche vom 17. bis 23. August. Auf Facebook haben mehrere Posts zu Reiserückkehrern und der Inzidenzzahl zwischen 14.000 und 22.000 Menschen erreicht. Wir haben aber auch das Personal im Gesundheitsamt aufgestockt. Dort wird die Betreuung von Kontaktpersonen in Quarantäne zum Teil digital gesteuert, und wir haben für Reiserückkehrende ein Online-Formular: Damit sind alle Daten gleich digital erfasst, und es kann auch ein Testergebnis hochgeladen werden. Zusätzlich haben wir in einer guten Kooperation mit dem Staatlichen Schulamt darum gebeten, dass alle Lehrkräfte mit Hilfe eines von uns vorbereiteten Informationsblattes ihre Schüler anrufen und zu Reiserückkehr und Testpflicht informieren. Solch eine Telefonaktion würde ich allen auch nach den Herbstferien empfehlen.

Das Ziel: schnelle Identifikation von Kontaktpersonen

OBM: Haben Sie „allgemeine“ Maßnahmen ergriffen, oder spezielle Zielgruppen wie etwa die Reiserückkehrer oder die Besucher von Familienfeten ins Auge gefasst?

Felix Schwenke: Mit unserer jüngsten Plakatkampagne wenden wir uns ganz speziell an Reiserückkehrende und Menschen, die feiern wollen. Wir können und wollen jungen Menschen nicht die Freude am Leben nehmen. Es ist aber wichtig, dass sie sich nicht mit zu vielen Menschen treffen. Es ist in der jetzigen Lage immer besser, den Kreis der Kontakte möglichst klein zu halten. Dahinter steht folgender Gedanke: Am Ende kommt es bei allen Maßnahmen darauf an, dass das Gesundheitsamt bei einer Infektion schnell alle Kontaktpersonen ausfindig machen kann.

OBM: Welche Erfahrung haben Sie dabei gemacht: Welche Maßnahmen sind wirkungsvoll, welche weniger?

Felix Schwenke: Die Wirksamkeit von Maßnahmen werden wir endgültig erst in der Rückschau in einigen Monaten nachvollziehen können. Nach unserer Informationskampagne konnten wir einen deutlichen Anstieg der Meldungen von Reiserückkehrern beim Gesundheitsamt feststellen: Sie haben sich einige Tage verdoppelt.

Akzeptanz ist für den Erfolg der Maßnahmen essentiell

OBM: Auf welche Akzeptanz trafen die jeweiligen Maßnahmen in der Bevölkerung? Wie war die Stimmungslage in Offenbach, und wie wichtig ist die Akzeptanz der Bevölkerung für die Maßnahmen und deren Erfolg?

Felix Schwenke: Akzeptanz ist essentiell. Als die Zahlen nur leicht stiegen, waren einige über unsere ersten Maßnahmen verärgert. Als die Zahlen dann aber sprunghaft stiegen, fanden wieder andere die Maßnahmen sogar zu gering. Als Politiker ist es wichtig, sich exakt die Lage zu betrachten und nicht nach spontaner Emotion „viele Fälle, wenige Fälle“ zu entscheiden. Wir prüfen zum Beispiel: Bei wie vielen Fällen kennen wir die Infektionsquelle? Wenn das fast alle sind, gibt es keinen Grund für große Sorge. Wenn wir die Infektionsquelle häufig nicht kennen, haben wir hingegen einen starken Indikator für eine Dunkelziffer in der Stadt, und die Maßnahmen müssen härter ausfallen. Wir prüfen natürlich auch, was die uns bekannten Infektionsquellen sind und was man exakt gegen diesen Ursprung machen kann, zuletzt waren das ja die Reiserückkehrer. Und wir prüfen immer: Sind die Menschen innerhalb oder außerhalb von Quarantäne erkrankt. Erkranken viele Menschen außerhalb von Quarantäne, sind sie ja vorher noch als Risiko durch die Stadt gelaufen. Unmut gibt es immer dann, wenn am Ende Maßnahmen in einer Stadt gelten und in der Nachbarstadt nicht. Das lässt sich manchmal aber nicht vermeiden, und das muss man dann eben erklären, das ist Teil des Jobs. Es ist in Ordnung, dass man in der Demokratie seine Entscheidungen rechtfertigen muss.

OBM: Sie sprechen die Nachbarstadt an. Mit der Stadt Frankfurt am Main und dem Landkreis Offenbach stimmen Sie sich bezüglich der Coronabekämpfung ab. Wie wichtig ist die interkommunale Kooperation, und gibt es bislang aus Ihrer Sicht allgemein zu wenig interkommunale Abstimmung über die jeweiligen Stadtgrenzen hinaus im Kampf gegen den Virus?

Felix Schwenke: Konkret würde ich mir wünschen, dass die Landesregierung solche Themen allgemein regelt, die in allen Kommunen gleich sind. Weil wir kein UFO im Rhein-Main-Gebiet sind, wo überall die Zahlen deutlich höher liegen als im Rest Hessens, wäre es für einige Bereiche – zum Beispiel eine Sperrstunde – gut, das würde vom Land vereinheitlicht. Insgesamt ist das Konzept, die Maßnahmen passgenau vor Ort zu machen, aber in Ordnung.

Passgenaue Maßnahmen und Information auf allen Kanälen

OBM: Was können Sie anderen Städten nach Ihren aktuellen Erfahrungen im Kampf gegen den Virus raten, was ist wichtig, was ist besser nicht zu tun?

Felix Schwenke: Auf allen Kanälen zu informieren, ist wichtig. Maßnahmen passgenau zum Problem zu suchen, ist ebenfalls wichtig. Und ganz praktisch: Dass man mit Kollegen die Allgemeinverfügungen austauscht, auch das ist wichtig. Meine Wahrnehmung ist, dass die meisten Kollegen in den Städten das auch so sehen – im Präsidium des Hessischen Städtetages haben wir dazu eine hervorragende Kooperation.

OBM: Die Bundesdebatte dreht sich unter anderem um ein Mindestbußgeld von 50 Euro bei Verstößen gegen die Coronaregeln. Trägt aus Ihrer Sicht eine bundeslandübergreifende Vereinheitlichung des Bußgelds zur Akzeptanz bei? Ist ein Bußgeld überhaupt wirksam?

Felix Schwenke: Leider ist es so, dass viele erst reagieren, wenn es ans Portemonnaie geht. In Offenbach haben wir am Anfang mit Ermahnungen gearbeitet. Inzwischen werden Bußgelder erhoben, und die liegen meist nicht bei 50 Euro. Ein Verstoß gegen angeordnete Quarantäne kann ab 1.000 Euro aufwärts kosten. Wer keine Maske trägt, zahlt entweder sofort 50 Euro oder später knapp 80 Euro. Wenn wir Bußgelder bei Verstößen gegen Gastronomen erheben, sind die auch deutlich teurer. In manchen Fällen, bisher vier, werden sogar Lokale geschlossen.

Man muss lernen, mit Corona zu leben

OBM: Doch damit ist die Coronakrise in Offenbach nicht endgültig besiegt, oder?

Felix Schwenke: Man muss lernen, mit Corona zu leben, und in der Welt mit Corona ändert sich leider oftmals kurzfristig die Lage. Doch dass sich die Lage in kurzer Zeit, mit den passenden Maßnahmen und der Mitwirkung der Bürger auch verbessern kann, ohne dass das öffentliche Leben komplett erliegt, das hat Offenbach in den letzten Tagen bewiesen. Der starke Rückgang der Neuinfektionen zeigt, dass die getroffenen Maßnahmen für die Stadt sinnvoll und notwendig waren. Ganz besonders danken wir allen Offenbachern, die die Maßnahmen und die Lage in der Stadt ernst genommen, ihre Kontakte reduziert und sich an die Regeln gehalten haben. So konnten gemeinsam ein Ausbreiten des Virus und ein weiterer Anstieg an Infektionen verhindert werden. Ich wünsche mir jetzt sehr, dass der Herbst und eine mögliche nächste Welle ein wenig auf sich warten lassen.

Diese Maßnahmen hatte Offenbach unter anderem ergriffen

  • Beschränkung der Gruppengröße im öffentlichen Raum.
  • Sperrstunde von 0 bis 6 Uhr für die Gastronomie.
  • Begrenzung des Zugangs zum örtlichen Waldschwimmbad.
  • Maskenpflicht für alle Schüler im Unterricht.
  • Lockerungen zur Ausübung von Kontaktsport wurden ausgesetzt.
  • Ergänzt wurden die Maßnahmen durch eine umfassende öffentliche Informationskampagne.

Weitere Infos zur Coronasituation in Offenbach: www.offenbach.de/corona.

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