Das Wiesbadener Verkehrsunternehmen ESWE stößt Brennstoffzellenbusse ab. Das wirft auch allgemeine Fragen zur Wasserstofftechnologie auf.

Das Verkehrsunternehmen der Stadt Wiesbaden, die ESWE Verkehrsgesellschaft, richtet seine Fuhrparkstrategie neu aus. Es plant, seine mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzellenbusse abzustoßen. Dies verlautbarte das Unternehmen am 14. Dezember. Zukünftig will ESWE Verkehr im eigenen Fuhrpark auf Wasserstofftechnologie verzichten. Der Fall ist auch deshalb bundesweit relevant, weil er ein Fragezeichen an Konzepte setzt, die den kommunalen ÖPNV als wichtiges Element einer kritischen Masse an Nachfrage für das Hochfahren lokaler Wasserstoffindustrien zur Prämisse haben. Denn eine solche Rolle nehmen die mit grünem Wasserstoff betriebenen Wiesbadener Busse im Umfeld des sogenannten Energieparks Mainz ein.

Keine großformatigen Wasserstoffbusse auf dem Markt

Nach Angaben von ESWE Verkehr spielen für die Abkehr von der Wasserstofftechnologie die Infrastruktur des eigenen Betriebshofes und die Verfügbarkeit großformatiger Busse mit alternativem Antrieb wesentliche Rollen. Denn um der hohen Fahrgastnachfrage gerecht werden zu können, brauche das Unternehmen Fahrzeuge mit größerer Kapazität. Die Rede ist von Bussen, die mit einer Länge von knapp 19 Metern fast einen Meter länger als die bisherigen Busse sind. Solche Fahrzeuge gibt es laut ESWE Verkehr mit alternativem Antrieb nicht auf dem Markt. Daher beschaffe man bis 2024 zusätzlich 36 Diesel-Gelenkbusse.

Die Wiesbadener Busflotte gilt mit 120 batterieelektrisch betriebenen Fahrzeugen in Sachen Emissionsfreiheit bundesweit als eine der fortschrittlichsten. Gleichwohl bildeten nach wie vor 130 Diesel-Gelenkbusse das Rückgrat der Flotte. „Wir sehen jeden Tag, dass zum jetzigen Zeitpunkt zwei Antriebstechnologien für Wiesbaden in unserer Werkstattinfrastruktur schon sehr anspruchsvoll sind“, erklärt ESWE-Verkehr-Geschäftsführer Jan Görnemann.

Auf dem Betriebshof kein Platz für Wasserstoffbusse

Der Betriebshof stoße an Kapazitätsgrenzen. Das Unternehmen brauche „jetzt dringend eine Lösung für weitere Betriebshofflächen, damit wir auch mit der Wartung, Instandhaltung und Instandsetzung unseres Fuhrparks unserer Aufgabe, für den ÖPNV in Wiesbaden zu sorgen, überhaupt weiter nachkommen können“, sagt Görnemann. Zukünftig möchte das Verkehrsunternehmen über 70 der zwölf Meter langen Solobusse abstoßen. Darunter sind 61 Dieselfahrzeuge und eben zehn Brennstoffzellenbusse.

Sofern dem Betriebshof neue Flächen zur Verfügung stehen, möchte ESWE Verkehr seine Flotte wieder erweitern. Dabei setzt das Verkehrsunternehmen auf möglichst batterieelektrisch betriebene Gelenkbusse sowie Doppel-Gelenk-Busse.

ESWE Verkehr verstand sich als „Vorreiter“

Bisher verstand sich ESWE Verkehr als „Vorreiter“ beim Einsatz von Wasserstofftechnologie für emissionsfreie Mobilität. Auf der Webseite des Unternehmens ist der Einsatz der Brennstoffzellenbusse noch immer als „wichtiger Baustein in der Umsetzung des Luftreinhalteplans der Landeshauptstadt Wiesbaden“ beschrieben. Dort heißt es: „Als umfassender Mobilitätsdienstleister verfolgt ESWE Verkehr das Ziel eines komplett emissionsfreien ÖPNV. Die Brennstoffzellentechnik unter Verwendung von grünem Wasserstoff ist dabei ein zentraler Baustein, um die Luft- und auch die Lebensqualität in Wiesbaden zu verbessern.“

Gefördert wurden die Fahrzeuge in einem EU-Programm mit 1,95 Millionen Euro. Zudem flossen insgesamt 1,685 Millionen Euro durch das Nationale Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie des Bundesverkehrsministeriums nach Wiesbaden. Der Bau einer Wasserstofftankstelle des Verkehrsverbunds Mainz Wiesbaden auf dem ESWE-Verkehr-Betriebsgelände wurde mit Geldern der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz realisiert. Die Wasserstofftankstelle steht im Kontext des Energieparks Mainz. Dort wird seit 2015 grüner Wasserstoff aus Windenergie produziert und für verschiedene Anwendungen – unter anderem eben den ÖPNV in Wiesbaden – genutzt.

In der offiziellen Mitteilung von ESWE Verkehr heißt es nun, dass das Unternehmen „bereits in einen Dialog mit allen Projektbeteiligten des Wasserstoffprojekts eingetreten“ sei. Bis auf weiteres hielten sich „alle Parteien an ihre vertraglich vereinbarten Verschwiegenheitspflichten“.

a.erb@stadtvonmorgen.de

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