In Wilhelmshaven startet ein LNG-Terminal. Für Deutschland bedeutet es Versorgungssicherheit, die Stadt gewinnt an Standortprofil.

Das neue LNG-Terminal in Wilhelmshaven wurde heute offiziell eröffnet. Im Januar sollen hier erste Schiffe anlegen und Flüssiggas liefern. Für Deutschland bedeutet dies geopolitisch mehr Unabhängigkeit von Russland und energiepolitisch eine größere Versorgungssicherheit. Für die Stadt Wilhelmshaven und ihren Hafen ist das Projekt ein wichtiger Baustein für die nachhaltige Standortentwicklung und für ihr Profil als „Energiedrehscheibe“.

Neues „Deutschland-Tempo“ beim Infrastrukturausbau

Von der Ankündigung, in Wilhelmshaven ein schwimmendes LNG-Terminal einzurichten, bei der sogenannten Zeitenwende-Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz im Februar 2022 nach dem Ausbruch des Ukrainekonflikts bis zur Umsetzung vergingen nur zehn Monate. Von der Planung der 26 Kilometer langen Leitung, die das Flüssiggasterminal mit dem deutschen Gasnetz verbindet, bis zur Inbetriebnahme waren es knapp fünf Monate. „Das ist neuer Weltrekord“, sagte Kanzler Scholz heute bei der Eröffnung des Terminals. Das kurze Zeitfenster zeuge von einem „neuem Deutschland-Tempo, mit dem wir Infrastruktur voranbringen“.

In Wilhelmshaven legt der Tanker „Höegh Esperanza“ an. Er ist mit rund 165.000 Kubikmeter Flüssigerdgas beladen. Dies entspricht etwa dem Jahresbedarf von 50.000 Haushalten. Das Spezialschiff bleibt als schwimmendes LNG-Terminal in Wilhelmshaven. Es dient der sogenannten Regasifizierung von LNG, das in Wilhelmshaven angeliefert wird, und speist das Gas ins deutsche Netz ein. Die Regasifizierungskapazität beträgt nach Angaben der Bundesregierung rund fünf Milliarden Kubikmeter im Jahr. Der reguläre Betrieb startet nach dem Jahreswechsel.

Wilhelmshaven als „Energiedrehscheibe“

Dass das Terminal samt Leitung in kürzester Planungs- und Bauzeit entstanden sei, zeige, „was in Deutschland möglich ist, wenn der Druck groß ist und alle Beteiligten an einem Strang ziehen“, sagt Oberbürgermeister Carsten Feist. Im Gespräch mit #stadtvonmorgen hatte Feist im April die größten Risiken für das Vorhaben „auf der Zeitachse“ gesehen.

Für die Stadt Wilhelmshaven bedeutet das LNG-Terminal einen zentralen Baustein, ihr Standortprofil als „Energiedrehscheibe“ zu schärfen. Dazu trägt auch bei, dass die neue Infrastruktur hinsichtlich des Ausstiegs aus fossilen Brennstoffen entwickelt wurde und zukünftig für den Transport von grünem Wasserstoff genutzt werden soll. In diesem Kontext wollen Stadt und Region „eine Schlüsselrolle in der nationalen Energieversorgung übernehmen“.

Wilhelmshaven profiliert sich mit Energiethemen

Nach Angaben der städtischen Wirtschaftsförderung finden sich vor Ort „ideale Voraussetzungen, um Deutschland zuverlässig und langfristig mit Wasserstoff zu versorgen“. Zum einen ist da der einzige Tiefwasserhafen der Republik mit einer historisch gewachsenen Expertise für den Transport fossiler Kraftstoffe, die perspektivisch auf klimaneutrale Energieträger angewendet werden kann. Zum anderen ist da der größte Kavernenspeicher im europäischen Nordwesten. Vier Milliarden Kubikmeter Erdgas fassen die 75 Kavernen.

„Wilhelmshaven verfügt über einen enormen Standortvorteil: Die Kombination aus Tiefwasserhafen und Salzkavernen ist in Europa einmalig“, sagt Feist. Zudem bietet die Region laut Wirtschaftsförderung Flächenpotentiale für Ansiedlungen. Darüber hinaus entsteht vor Ort ein Kompetenzcluster. Im „Energy Hub Port of Wilhelmshaven“ sind mehr als 30 Akteure aus Wirtschaft, Forschung und Verwaltung miteinander vernetzt. Gemeinsam arbeiten sie an den Themen Energie und Klimaneutralität mit dem besonderen Fokus auf Wasserstoff. So keimen und wachsen in Wilhelmshaven entsprechende Industrien, Unternehmen und Wertschöpfungsketten.

LNG-Terminal: Beitrag zur Versorgungssicherheit

Mit dem neuen Terminal in Wilhelmshaven würden „Deutschland und auch die Europäische Union ein großes Stück sicherer und unabhängiger“, sagt Scholz. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und der folgenden Abkehr Europas von russischen Energielieferungen spitze sich die Energiekrise zu. Der Terminal sei ein wichtiger Beitrag, eine Gasmangellage zu vermeiden und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, unterstreicht Wirtschaftsminister Robert Habeck.

Neben Scholz und Habeck war für die Bundesregierung auch Finanzminister Christian Lindner bei der offiziellen Eröffnung des Terminals in Wilhelmshaven zu Gast. Begleitet wurde die Veranstaltung von Protestaktionen. Umweltschützer wiesen auf Gefahren für die Natur hin und kritisierten die beschleunigten Genehmigungsverfahren. Neben dem in Wilhelmshaven entstehen derzeit ähnliche Terminals an Nord- und Ostsee, nämlich in Brunsbüttel, Stade und Lubmin.

a.erb@stadtvonmorgen.de

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