Wasserstoff gilt als zukunftsträchtiger Energieträger. Kommunen können seine Verbreitung fördern, indem sie regionale Kreisläufe gestalten.

Für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur ist kommunales Engagement entscheidend. „Die regionalen Treiber sind maßgeblich für den Ausbau der Wasserstoffindustrie und der Wasserstofftankstelleninfrastruktur“, sagt Sybille Riepe, Sprecherin der Unternehmung „H2 Mobility Deutschland“. Am Beispiel Wasserstoff zeige sich die hohe Relevanz der lokalen Ebene für die Energiewende. An H2 Mobility sind acht Gesellschafter beteiligt, darunter Daimler, Shell und Hyundai. Das Unternehmen errichtet bundesweit Wasserstofftankstellen.

Wasserstoff: Neue Perspektiven für die Energieversorgung

In Deutschland gibt es derzeit knapp 100 Wasserstofftankstellen. Im Vergleich mit der EU, wo insgesamt etwas mehr als 160 Wasserstofftankstellen öffentlich verfügbar sind, liegt die Bundesrepublik damit sowohl in absoluten Zahlen als auch relativ zur Einwohnerzahl unangefochten an der Spitze. Gefolgt wird sie von der Schweiz und Holland, wo jeweils rund zehn Tankstellen öffentlich in Betrieb sind.

Nicht nur im Zusammenhang mit der Energiewende und dem Klimaschutz ist Wasserstoff ein wichtiger Baustein für die Transformation zur Klimaneutralität. Auch hinsichtlich der aktuellen geopolitischen Verwerfungen und der Abhängigkeit von russischem Gas eröffnet der Einsatz von Wasserstoff der Energieversorgung in Deutschland und in Europa neue Perspektiven. Setzten sie auf Wasserstoff als Energieträger und den Aufbau einer diesbezüglichen regionalen Infrastruktur, könnten Kommunen überdies vor Ort die Versorgungssicherheit in Sachen Energie autarker gestalten und damit nicht zuletzt ihre eigene Standortqualität für Unternehmen erhöhen, meint Riepe.

Wasserstoff: Kommunen setzen lokale Rahmenbedingungen

Umso mehr gelte es, „das Tankstellennetz mit dem Hochlauf der Fahrzeuge zusammen zu entwickeln“, um Wasserstoff als Energieträger in der Breite nutzbar zu machen, so Riepe. Für den Ausbau der Infrastruktur und neuer Standorte von Wasserstofftankstellen seien drei Faktoren wesentlich. Erstens der direkte Zugang zu Wasserstoff oder alternativ zweitens zu erneuerbaren Energien für eine örtliche Wasserstoffproduktion. Drittens sei das Wissen um lokale Bedarfe etwa von Logistikunternehmen wichtig, um die Nachfrage nach dem Energieträger Wasserstoff und damit die Wirtschaftlichkeit des Infrastrukturausbaus abschätzen zu können. Denn schließlich lohnen sich pionierhafte Investitionen in die neue Technologie nur dort, wo die Nachfrage hoch ist.

Kommunen und ihre kommunalen Unternehmen könnten diese Rahmenbedingungen vor Ort gestalten – gerade wenn es darum gehe, die örtlichen Bedarfe zu ermitteln und einzuschätzen. Sie könnten die Rolle übernehmen, zwischen den Produzenten von regenerativer Energie, etwa Windpark- und Solarfeldbetreibern, sowie möglichen Anwendern von Wasserstoff zu moderieren. Sie könnten die Nachfrage nach Wasserstoff bündeln und mit ihrem Engagement letztlich zur Wirtschaftlichkeit einer regionalen Wasserstoffproduktion beitragen.

Wasserstoff im Gesamtsystem der Energieversorgung

Um eine lokale Wasserstoffindustrie zu stimulieren, dürfe der Blick von Kommunen nicht isoliert auf den Standort für eine einzelne Wasserstofftankstelle gehen, betont Riepe. Bestenfalls erfasse er die Energieproduktion und -versorgung als Gesamtsystem. Das reiche eben vom Windpark und dem Solarfeld, also der Produktion erneuerbarer Energien, über den Bau eines Elektrolyseurs, mit dem grüner Wasserstoff hergestellt wird, bis hin zum Energieverbrauch in verschiedenen Sektoren und in Stadtquartieren.

Nur in einer solchen systemischen Gesamtschau könne die Wirtschaftlichkeit eines Elektrolyseurs zur regionalen Wasserstoffproduktion optimiert werden, erklärt Riepe. Dabei sei auch das Potential von Wasserstoff, für dessen Erzeugung Strom notwendig ist, als Speichermedium für überschüssig regenerativ produzierte Wind- oder Solarenergie zu betrachten. So könne der Aufbau eines Elektrolyseurs nicht zuletzt für Windpark- oder Solarfeldbetreiber attraktiv sein.

Die Kommune als Produzent und Verbraucher von Wasserstoff

Demnach erweist sich ein Elektrolyseur als zentraler Baustein, um lokale Wertschöpfungsketten im Zusammenhang mit Wasserstoffanwendungen in Gang zu setzen. In kommunaler Regie ließe er sich als Element der regionalen Energieversorgung begreifen. Auch hierbei gelte es, vernetzt zu denken. Bei der Elektrolyse entstehende Abwärme könne in ein Fernwärmenetz eingespeist werden. Der entstehende Wasserstoff könne teilweise durchaus Erdgas als Wärmeträger ersetzen. Zum größten Teil jedoch lohne seine Anwendung im Mobilitätssektor. Denn, so Riepe, in diesem Sektor lasse sich Wasserstoff derzeit zu Preisen vermarkten, die seine Produktion am ehesten rechtfertigten.

Dabei kann die Kommune selbst als Anwender auftreten und dadurch eine gewisse Nachfrage generieren. Ein typisches Anwendungsfeld ist etwa der Einsatz von Wasserstoff als Treibstoff von Müllsammelfahrzeugen. Insofern sind Kommunen und ihre Unternehmen nicht nur wichtige Akteure beim Infrastrukturausbau und gegebenenfalls sogar bei der Wasserstoffproduktion mithilfe eines Elektrolyseurs, sondern kommen auch als Verbraucher ins Spiel.

Wasserstoff für viele Kommunen noch Neuland

Dass sich viele Kommunen dem zukunftsträchtigen Thema allerdings erst noch annähern und dabei eine recht weite Strecke zurücklegen müssen, zeigt der Blick auf die Geschwindigkeiten bei Genehmigungsverfahren für Wasserstofftankstellen. Vom ersten Gespräch bis zum Bau der Wasserstoffstation variiert die Zeit zwischen einem halben Jahr und drei Jahren, berichtet Riepe aus der praktischen Erfahrung. Diese Diskrepanz deutet auf eine gewisse Unsicherheit beim Umgang mit entsprechenden Anträgen hin. Angesichts der Größe von Transformationsaufgaben wie der Energiewende ist dringend eine Beschleunigung der Verfahren vonnöten.

Info

„H2 Mobility Deutschland“ besteht seit 2015. Von den rund 100 Wasserstofftankstellen, die es in Deutschland gibt, hat H2 Mobility einen Großteil errichtet und betreibt diesen auch. Das Unternehmen geht beim Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur pionierhaft voran. Dazu gehört die Umrüstung bestehender, für die Pkw-Anwendung ausgelegter Tankstellen auf solche für Lkw und Busse. Das derzeitige Tankstellennetz hat die Kapazität, rund 40.000 Pkw zu versorgen. Bundesweit sind rund 2.000 Pkw mit Wasserstoffantrieb unterwegs. Der Bau einer Wasserstofftankstelle für Pkw kostet rund 1,2 Millionen Euro. Davon fördert der Bund etwa die Hälfte.

a.erb@stadtvonmorgen.de

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