Lohnt es für Kommunen, in Wasserstoffprojekte zu investieren? Ja, sagt Jürgen Peterseim. Sie könnten den Infrastrukturaufbau dynamisieren.

„Diese Dekade ist essentiell für den Aufbau der Infrastruktur“, sagt Jürgen Peterseim, Wasserstoffexperte beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen PwC Deutschland, zum verstärkten Einsatz von Wasserstoff als Energieträger. Kommunen könnten schon jetzt voranschreiten und eine regionale Wasserstoffwirtschaft aufbauen. Damit leisteten sie nicht nur einen Beitrag für den Umstieg auf Wasserstoff und zur Dekarbonisierung, sondern erhöhten auch ihre eigene Energieversorgungssicherheit. Wichtig für die Wirtschaftlichkeit regionaler Wasserstoffprojekte seien Kooperationen und Sektorenkopplung.

Kommunen als Vorreiter im Transformationsprozess

Um möglichst schnell auf Wasserstoff umsteigen zu können, müsse der Aufbau der Infrastruktur konsequent vorangetrieben werden. Peterseim nimmt die Zielperspektive 2030 an. Dabei gehe es insbesondere um den Import und die Verteilung von Wasserstoff. Peterseim meint, dass dessen Produktion auch zukünftig nicht hauptsächlich in Deutschland stattfindet. Denn gehe es um grünen Wasserstoff, also mit regenerativem Strom produzierten, kämen Länder wie Südafrika, wo große Flächen zur Solarstromgewinnung vorhanden sind und die Sonneneinstrahlung intensiver ist, aus Gründen der Effizienz als Produktionsstätten eher in Frage. Gleichwohl könnten hierzulande Kommunen die Wasserstoffversorgung mit regionalen Projekten ergänzen – insbesondere in der jetzt einsetzenden Phase des Infrastrukturaufbaus.

Zum einen könnten regionale Wasserstoffprojekte den Kommunen dabei helfen, ihre Transformationsaufgaben zu lösen und Klimaziele zu erreichen. Zum anderen könnten Kommunen damit das Hochfahren der nationalen Wasserstoffindustrie flankieren und dabei regionale Wertschöpfungsketten anlegen. Indem sie die Umstellung auf Wasserstoff vor Ort vorantreiben und gemeinsam mit der lokalen Industrie diesbezügliche Kompetenzen aufbauen, übernähmen sie außerdem eine Vorreiterrolle im Transformationsprozess, sagt Peterseim.

Wasserstoffprojekte als Standortfaktoren für Städte

Zu den Standortvorteilen, die sich mit einer regionalen Wasserstoffproduktion erschließen lassen, zählt Peterseim die höhere Unabhängigkeit bei der Energieversorgung. Das mache Städte resilienter hinsichtlich möglicher Verwerfungen, wie sie augenblicklich im Zusammenhang mit dem Ukrainekonflikt und der Drosselung russischer Gaslieferungen auftreten. Gelinge es, mit Alternativen zum Gas die steigenden Energiepreise zu dämpfen, habe dies nicht zuletzt eine soziale Dimension.

Gleichzeitig komme ein regional gesicherter Zugang zum Energieträger Wasserstoff der Wirtschaft zugute. Darüber hinaus verbesserten Unternehmen, die mit grünem Wasserstoff ihre Produkte klimaneutral gestalten, so ihre Position gegenüber Investoren, die auf nachhaltige Anlageoptionen setzen. Daraus ergebe sich also ebenfalls eine Standortqualität für Städte.

Synergien durch Vernetzung von Anwendungsfeldern

Diese vernetzte, sektorenübergreifende Denkweise sei auch wesentlich für die Konzeption eines Wasserstoffprojekts. Um möglichst viele Synergien heben und damit die Wirtschaftlichkeit steigern zu können, sei der Einbezug aller relevanten Akteure wichtig. Etwa könnten kommunale Wirtschaftsförderungen den Prozess moderieren und die lokal ansässige, energieintensive Industrie einbeziehen, Bedarfe identifizieren und zusammenführen.

Wichtige Aktivposten seien außerdem kommunale Unternehmen, unterstreicht Peterseim. Vor allem für Stadtwerke, die in den Bereichen Energie und Mobilität tätig sind, biete es sich an, Wasserstoff in ihre Prozesse zu integrieren. So sicherten sie als „Ankeranwender“ auf verschiedenen Anwendungsfeldern den Wasserstoffabsatz aus regionaler Produktion. Darüber hinaus seien sie dazu prädestiniert, den Aufbau und den Betrieb der regionalen Infrastruktur zu managen.

Beispiel Unna: Gesamtschau auf alle möglichen Anwender

Exemplarisch weist Peterseim auf das Beispiel Unna hin. In der Machbarkeitsstudie „GWA Unna – lokale Wasserstoffinfrastruktur“ hat er für PwC mit der Gesellschaft für Wertstoff- und Abfallwirtschaft Kreis Unna (GWA Unna) ein entsprechendes Konzept geprüft. Ein Anlass für die Beschäftigung mit Wasserstoff war dort das Streben nach einem klimaneutralen Antrieb im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und für kommunale Entsorgungsfahrzeuge. Erst die Gesamtschau auf alle möglichen Akteure und Anwender habe das Wasserstoffkonzept gegenüber fossilen Energieträgern wettbewerbsfähig gemacht.

Die Idee geht von lokal produziertem, regenerativem Sonnenstrom aus. Dieser treibt einen Elektrolyseur zur Wasserstoffproduktion an. Den so entstandenen grünen Wasserstoff nutzt die Kommune zur Dekarbonisierung im Bereich Mobilität, etwa im ÖPNV. Bei der Wasserstoffproduktion entstehende Nebenprodukte wie Wärme und Sauerstoff finden ebenfalls eine Anwendung: die Wärme für die industrielle Nutzung, der Sauerstoff für die Abwasseraufbereitung in einem Wasserwerk. Aus der Stromproduktion überschüssig anfallender Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist.

Kommunen als Enabler der regionalen Wasserstoffindustrie

Das Konzept zeige beispielhaft, dass nicht auf einen nationalen Infrastrukturausbau gewartet werden muss. Regionale Wasserstoffprojekte ließen sich bereits jetzt sinnvoll realisieren, sagt Peterseim. Kooperationen und Sektorenkopplung seien dafür essentiell. Genauso wesentlich seien das Engagement von Kommunen und kommunalen Unternehmen als „Enabler“ oder „Möglichmacher“.

Gleichwohl gelte es dabei stets, die Grenzen der Wirtschaftlichkeit auszuloten. Im Bereich der urbanen Mobilität sei es beispielsweise oft effizienter, mit regenerativ produziertem Strom direkt einen E-Bus zu betreiben als zuerst den Strom für die aufwendige Produktion von Wasserstoff als Treibstoff einzusetzen und dabei Energieverluste hinzunehmen. Bei signifikant höherem Energiebedarf, etwa beim Busverkehr im ländlichen Raum, im Fern- oder im Schwerlastverkehr, hingegen käme der Elektroantrieb eher an Grenzen. Hier könne der Einsatz von Wasserstoff wiederum lohnen.

a.erb@stadtvonmorgen.de

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