Im Januar startet mit LeAn eine Plattform für das Leerstandsmanagement in der Innenstadt. Jetzt wurde das neue Tool präsentiert.

Die Singlebörse Tinder ist nicht bekannt für nachhaltige Verbindungen. Wer die Partnersuche im Internet nutzt, ist meist auf den lustvollen Treff aus, das flüchtige Schäferstündchen oder das unverbindliche Tete-a-tete. Wer hingegen die verantwortungsvolle Aufgabe, die Transformation einer Innenstadt zu gestalten, wahrnimmt, mag diese vielleicht noch lustvoll angehen – Flüchtigkeit und Unverbindlichkeit stehen ihrer Bewältigung allerdings entgegen. Schließlich geht es doch darum, nachhaltige und verlässliche Lösungen für den Wandel der City zu finden. Dass bei der Vorstellung der neuen digitalen Plattform „LeAn“, die das Leerstands- und Ansiedlungsmanagement von Kommunen erleichtern soll, heute immer wieder von einem „Tinder für die Innenstadt“, wahlweise auch von einem „Tinder für Gewerbeimmobilien“ die Rede war, lässt also zumindest stocken.

LeAn: Plattform für kommunales Leerstandsmanagement

Die einzige Analogie zwischen Tinder und LeAn besteht wohl darin, mehr oder weniger verzweifelt Suchende zusammenzuführen – beim einen diejenigen, die nach einem erotischen Abenteuer streben, beim anderen diejenigen, die sich mit urbaner Transformation beschäftigen. Im besten Fall stehen bei beiden am Ende erfrischende und vitalisierende Ergebnisse.

LeAn ist ein Werkzeug für ein vorausschauendes Immobilienmanagement von Städten. Dafür will die Software neue Standards setzen. Mit 14 Modellstädten, den sogenannten Stadtlaboren, wurde die Plattform im Kontext eines vom Bundeswirtschaftsministerium mit 11,9 Millionen Euro geförderten Projekts durch das IFH Köln (Institut für Handelsforschung) entwickelt und erprobt. Im Januar startet LeAn offiziell als Open-Source-Anwendung. Bei der digitalen Infoveranstaltung stellten die Macher heute erste Entwicklungsergebnisse vor.

LeAn bezieht Raumangebote und mögliche Nutzungen ein

Kern der Plattform ist die Erfassung relevanter Daten für das Leerstands- und Ansiedlungsmanagement von Kommunen. Damit ist LeAn die wohl erste Software, die sowohl Leerstände systematisch erfasst als auch die Raumpotentiale mit möglichen Nutzern abgleicht und zusammenbringt oder – in der Tindersprache – „matcht“. Dabei kann der Matchingprozess mit weiteren Daten angereichert werden, die seine Qualität erhöhen: mit der lokalen Publikumsfrequenz, dem Mietpreisniveau, der Kaufkraft, markanten stadträumlichen Attributen wie Barrierefreiheit oder sogar stadtstrategischen Zielsetzungen, nach denen sich das Profil des jeweiligen Quartiers entwickeln soll.

Wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Matchings ist die Integration der beteiligten Akteure in den Prozess: der Immobilienbesitzer und möglicher Mieter. Derweil übernimmt die Kommune eine Moderatorenfunktion und setzt die entsprechenden Rahmenbedingungen. Indem die Plattform die Akteure zusammenbringt und dadurch Ansiedlungsvorhaben flankiert, soll sie Impulse für eine vitale Innenstadt geben und Kommunen dabei helfen, Leerständen entgegenzuwirken.

LeAn als Beispiel für moderne „Plattformökonomie“

Bei der heutigen Präsentation der neuen Software waren Stimmen und Erfahrungsberichte aus den beteiligten Modellstädten zu hören. So beschrieben die Oberbürgermeister Uwe Conradt (Saarbrücken), Felix Heinrichs (Mönchengladbach) und Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Bremen) die Vernetzung und den gegenseitigen Austausch aus Sicht der Stadtlabore als wichtiges Element der Entwicklungsphase. Zwar stehe jede Innenstadt vor individuellen Aufgaben, doch sei die Herausforderung, Leerstände und Ansiedlungen zu managen, vielerorts dieselbe, so Heinrichs. Der Austausch von Fachleuten aus den Kommunen trage dazu bei, darauf gemeinsame „digitale und analoge“ Antworten zu finden und diese modellhaft zu teilen.

„Die Innenstadt steht durch die vielfältigen Krisen, aber auch durch die Digitalisierung unter Druck“, skizziert Conradt. Um ihr Ausbluten zu verhindern, sei es wichtig, ihre Funktion als urbanes Zentrum zu erhalten. Es gelte, vielfältige Nutzungen in die City zu bringen und Leerstände möglichst schnell neuen Funktionen zuzuführen. Um dies zu befördern, sei die „Auffindbarkeit von geeigneten Immobilien“ für potentielle Nutzer mit neuen Geschäftsideen wichtig. Dafür sei LeAn ein digitales Tool, das für alle Beteiligten einen Mehrwert schaffe. LeAn sei Beispiel für eine moderne, internetbasierte „Plattformökonomie“.

Die Belebung der Innenstadt ermöglichen

Ein „intensiver immobilienwirtschaftlicher Dialog“, der das Entstehen von Leerständen früh aufzeige, schaffe einer Stadt zusätzliche Handlungsspielräume, erklärt Vogt. Eine strukturierte diesbezügliche Datenerhebung versetze Städte „in die Lage, nicht nur einer Entwicklung hinterherrennen zu müssen, sondern sie im Voraus abfedern zu können“. Dafür sei das digitale Leerstandsmanagement ein „Pfund“.

Conradt unterstreicht: „Es geht nicht darum, den Leerstand zu managen, sondern die Belebung zu ermöglichen.“ Dazu gehöre, erfolgreiche Ansiedlungen als Vorbilder zu feiern und zu zeigen, wo in der Stadt Neues entsteht. Für solche Erfolgsbeispiele könne die neue Plattform ebenfalls sensibilisieren. Zwar sei LeAn „kein Zaubermittel“ und könne „Leerstand nicht auf Knopfdruck beseitigen“, sagt Projektleiterin Eva Stüber vom IFH Köln. Das Tool könne aber zur Belebung einer leerstehenden Immobilie beitragen – „viel wahrscheinlicher als eine Hochzeit bei Tinder“.

a.erb@stadtvonmorgen.de

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