Die Städte des Sächsisch-Bayerischen Städtenetzes streiten für die Bahnanbindung ihrer Region. Abermals appellieren sie an München und Berlin.

Die Oberbürgermeister der sechs Städte des Sächsisch-Bayerischen Städtenetzes drängen auf eine rasche Weiterplanung für die Elektrifizierung des Bahnstreckenabschnitts zwischen Nürnberg und Marktredwitz. Zudem weisen sie auf Defizite in der Verkehrsinfrastruktur sowie diesbezüglich „überfällige Entscheidungen in Berlin und München für die Bahnanbindung der Zukunft“ hin. Vor wenigen Tagen kamen die Oberbürgermeister des Städteverbunds in Hof zusammen. Dem Netzwerk gehören neben Hof die Städte Chemnitz, Zwickau, Plauen, Bayreuth und Marktredwitz an.

Bahnstrecke bedeutsam für die Mobilität in Europa

Die OBM Oliver Weigel (Marktredwitz; Foto oben von links), Steffen Zenner (Plauen), Constance Arndt (Zwickau), Eva Döhla (Hof), Thomas Ebersberger (Bayreuth) und Sven Schulze (Chemnitz) stellen laut gemeinsamer Pressemeldung fest, dass die Ergebnisse der Vorplanungen für die Elektrifizierung der infrastrukturell wichtigen Bahnstrecke längst feststehen. Die Planung stocke jedoch, da die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens abermals herstellt werden müsse. Hierzu hat das Bundesverkehrsministerium diverse Plananpassungen und -konkretisierungen veranlasst.

Dabei liege in den neuen Berechnungen zur Wirtschaftlichkeit der Fokus insbesondere auf den Kosten, die sich unter anderem aufgrund steigender Baupreise erhöht hätten. Dies wirke negativ auf die Wirtschaftlichkeit. Genauso betrachtet werden müssten im Nutzen-Kosten-Verhältnis allerdings Paramater wie die ebenfalls steigende Bedeutung der sogenannten Franken-Sachsen-Magistrale für die Resilienz des Schienennetzes, für den Klimaschutz oder die Mobilität in Europa. Diese erhöhten wiederum die Relevanz der Elektrifizierung der Strecke.

Streckenausbau im Kontext von Klimaschutz und Industrie

„Neben Kosteneinsparungen ist es der gestiegene Nutzen, der bei der Wirtschaftlichkeit weiterhilft. Mit einem fundierten Fachgutachten konnten wir bereits der alten Bundesregierung aufzeigen, dass aktuelle Entwicklungen in Deutschland und Europa die Bedeutung dieser Bahnstrecke überdurchschnittlich erhöhen“, sagt Döhla. Sie verweist unter anderem auf Klimaziele im Kontext der Verkehrswende.

Zudem seien viele Branchen zunehmend auf CO2-reduzierte Gütertransorte angewiesen, voran die Automobil- und Chemieindustrie. Dabei mangele es jedoch an „leistungsfähigen Transportangeboten“, sagt Arndt. „Wir brauchen dringend den elektrischen Lückenschluss nach Nürnberg, um die Industrieregion Südwestsachsen auf direktem Weg mit Bayern, Baden-Württemberg, der Schweiz und Südwesteuropa zu verbinden“, ergänzt Schulze. Schließlich zähle die Franken-Sachsen-Magistrale im neuen Koalitionsvertrag der Bundesregierung „zu den acht vordringlichsten Ausbaustrecken“.

Elektrifizierung betrifft auch die Zukunft des Personenverkehrs

Darüber hinaus machen die Oberbürgermeister beim Personenverkehr einen „dringenden Handlungsbedarf“ aus. Insbesondere für Nordost- und Ostbayern warnen sie vor einer „massiven Verschlechterung“ im Zusammenhang mit der fehlenden Elektrifizierung der Franken-Sachsen-Magistrale. Hintergrund dafür ist, dass die jetzt eingesetzten Dieseltriebwagen spätestens 2032 außer Dienst gestellt werden. Weil die Elektrifizierung der Franken-Sachsen-Magistrale 2032 aber wohl noch nicht fertiggestellt ist und andere Strecken wie die sogenannte Oberfranken-Achse vorerst ohne Fahrdraht verbleiben, braucht es dringend eine Fahrzeugalternative für die Dieselwagen.

Diese könnte ein sogenanntes Neigetechnik-Hybridfahrzeug sein. Ein solches Hybridfahrzeug wäre zum einen in der Lage, elektrisch mit Stromabnehmer für Oberleitungen zu fahren. Zum anderen könnte es dort, wo noch Elektrifizierungslücken bestehen, diese Streckenabschnitte mit alternativer Technologie, etwa mithilfe von leistungsstarken Batterien, zurücklegen.

Für eine Entwicklung solcher Fahrzeuge stehe die Industrie bereits seit 2018 zur Verfügung. Es fehle allerdings an einer Bestellung durch den Freistaat Bayern beziehungsweise der entsprechenden Ausschreibung an die Verkehrsunternehmen, heißt es in der Pressemeldung der sechs Oberbürgermeister. Die Stadtlenker appellieren daher eindringlich an die Landesregierung, alsbald Neigetechnik-Hybridfahrzeuge zu bestellen und damit gleichzeitig Pionierarbeit zu leisten. „Sonst bleibt für die Entwicklung und Erprobung nicht genügend Zeit“, warnt Weigel.

Seit der Wiedervereinigung schwelt die Frage der Bahnverbindung

Das Sächsisch-Bayerische Städtenetz hat seine Wurzeln als ein vom Bund gefördertes Projekt im Prozess der deutschen Wiedervereinigung. Sein ursprünglicher Gedanke des Austauschs zwischen den Städten fokussierte sich auf den Ausbau der Bahnlinie, der sogenannten Sachsen-Franken-Magistrale, zwischen Nürnberg und Dresden. Dieses Thema beschäftigt die Städte noch immer mit hoher Priorität.

Das Städtenetz fordert eine leistungs- und konkurrenzfähige Schienenverbindung für seinen Wirtschaftsraum, in dem rund drei Millionen Menschen leben. Dabei geht es nicht nur um den überregionalen Fernverkehr, sondern überhaupt um eine dafür grundlegende Modernisierung und vollständige Elektrifizierung der Strecke. Zwar ist die Bahnlinie von Hof über Plauen, Zwickau, Chemnitz bis Dresden elektrifiziert. Aber insbesondere Streckenabschnitte in Bayern sind es noch nicht.

Darüber hinaus engagieren sich die Städte für gemeinsame Kulturinitiativen. An vorderer Stelle ist dabei die alle drei Jahre wechselweise stattfindende JugendKunstTriennale, eine Plattform für junge Kunst. Im Tourismus schärfen die Städte ein gemeinsames Profil im Bereich der Industriekultur, indem sie lokale Attraktionen gemeinsam vermarkten und städteübergreifend Touren anbieten. Das Städtenetz besteht seit 1995 mit fünf Städten. 2019 kam Marktredwitz als sechste Kommune dazu.

a.erb@stadtvonmorgen.de

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