Städte jenseits von Metropolen, die Aufgaben für ihr Umland übernehmen, sollen dies als „Regiopolen“ tun. Die Forschung sucht Kriterien dafür.

Die Debatte um die Regiopole als Konzept für eine neue Raumkategorie dauert an. Um die „Mehrwerte“ interkommunaler Zusammenarbeit auch im Sinne der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse zu forcieren, bedürfe es einer Organisationsform. Städte bräuchten einen formalen Auftrag, um für regionale Entwicklungsthemen über kommunale Gebietsgrenzen hinaus mehr Verantwortung übernehmen zu können – beispielsweise als Regiopole. Dies forderte Oberbürgermeister Wolfram Leibe aus Trier Ende November bei einem digitalen Fachforum. Bei der Veranstaltung wurde über die Regiopole-Idee diskutiert.

Regiopolen als regionale Motoren für Progression

Leibe ist Sprecher des Deutschen RegioPole-Netzwerks. In ihm haben sich acht Städte zusammengetan, die den Regiopole-Gedanken vertreten. Sie wollen dazu beitragen, die Regiopole als Kategorie in der Raumplanung des Bundes und der Länder zu verankern.

Bei einer Regiopole handelt es sich um ein Oberzentrum außerhalb einer Metropolregion, das für sein Umland allerdings durchaus metropolitane Funktionen übernimmt. Als regionaler „Motor“ sorgt es für kulturelle und gesellschaftliche Progression sowie für wissenschaftliche und wirtschaftliche Innovation. Zudem ist es entscheidend für die Entwicklung und den Erhalt regionaler Infrastrukturen.

Bundesinstitut arbeitet an Kriterien und Modellen für Regiopolen

OBM Wolfram Leibe aus Trier (Quelle: Stadt Trier)

OBM Wolfram Leibe aus Trier (Quelle: Stadt Trier)

Beim Fachforum „Regiopolen und Regiopolregionen für Deutschland: ein Mehrwert für Regionen und ihre Städte“ erläuterte Leibe aus der praktischen Sicht eines Stadtlenkers die Regiopole-Idee. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung vom Bundesinnenministerium und dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Das Institut arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt zur Regiopole-Idee.

Die Forschung zielt darauf ab, Kriterien und Organisationsmodelle für Regiopolen zu entwickeln. Diese sind Voraussetzung dafür, dass die Regiopole überhaupt als Kategorie in der Raumordnung eingeführt werden kann. Unter anderem fragen die Stadtforscher nach der infrastrukturellen Ausstattung, denen eine Regiopole genügen muss, oder nach Kriterien für die konkrete Rolle, die sie in Stadt-Umland-Beziehungen einnimmt.

Dabei habe sich erwiesen, dass „starre“ Parameter wie die Einwohnerzahl einer Stadt für deren Klassifizierung als Regiopole weniger relevant seien als funktionale Aspekte, lautete der Tenor beim Fachforum. Darüber hinaus arbeiten die Forscher an einer möglichen Governancestruktur für die Regiopole.

Gleichwertige Lebensverhältnisse: Bericht thematisiert Regiopolen

Die Regiopole-Idee hat längst ihren Weg aus der Stadtforschung in die kommunale Praxis gefunden. Dort wird sie vom Deutschen RegioPole-Netzwerk vertreten. 2016 fanden sich darin die Städte Bielefeld, Erfurt, Paderborn, Rostock, Siegen und Trier zusammen. 2019 kamen die Städte Würzburg und Koblenz dazu. In ihrer jeweiligen Region wirken sie über ihre Stadtgrenze hinaus profilbildend.

Auf Bundesebene spiegelt sich der Regiopole-Gedanke ebenfalls wider. Im 2019 vorgelegten Ergebnisbericht der Kommission für Gleichwertige Lebensverhältnisse verweisen Bundesinnenminister Horst Seehofer, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Familienministerin Franziska Giffey auf die neue Raumkategorie. Der Bericht fordert vom Bund unter anderem den Aufbau eines Netzwerks der Regiopolen, um Stadt-Land-Kooperationen zu fördern und dadurch Disparitäten auszugleichen.

Trier als Regiopole: Stadt mit regionaler Verantwortung

Darauf verweist Oberbürgermeister Leibe ebenfalls. Am Beispiel der medizinischen Versorgung zeigt er auf, wie die Stadt Trier weit in ihr Umland wirkt. Etwa trage eine auch digital präsente Trierer Augenklinik dazu bei, dem ländlichen Fachärztemängel im Bereich der Augenmedizin entgegenzuwirken. Um die medizinische Versorgung in der gesamten Region aufrechterhalten zu können, dürfe es also „kein Gegeneinander“ geben. Das Oberzentrum sei in der Verantwortung, „für den ländlichen Raum mitzudenken“ – einerseits um dortigen Versorgungslücken entgegenzuwirken; andererseits um im regionalen Kontext lokale Überkapazitäten auszugleichen.

„Wir sehen uns als Unterstützer“, sagt Leibe. Gleichwohl werde er als Oberbürgermeister bisweilen mit der Frage konfrontiert, auf welcher Grundlage er diesen Gedanken verfolge. Hier bedürfe es eines klaren öffentlichen Auftrags. Nur so ließe sich die „Gefahr“ eines möglichen Konkurrenzdenkens in der Region zwischen der Stadt und den umliegenden Kommunen entschärfen. Dies könne etwa geschehen, indem man die Stadt in der Raumordnung als Regiopole definiere und mit entsprechend regionaler Verantwortung ausstatte.

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