Aachen wird Circular City. Es geht um Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und den Umgang mit Ressourcen. Darüber spricht OBM Sibylle Keupen.

Die Stadt Aachen will Circular City werden – eine Stadt, die sich der Kreislaufwirtschaft verschreibt. Mit der Unterzeichnung der „European Circular Cities Declaration“ tritt sie nach Freiburg als zweite deutsche Stadt einem diesbezüglichen Netzwerk europäischer Städte bei. Die Unterzeichnung fand vor wenigen Tagen in feierlichem Rahmen gemeinsam mit Akteuren der Stadtgesellschaft statt. Für Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen ist die Circular-City-Initiative mehr als eine strategische Ausrichtung der Stadtpolitik: Sie will die Stadtgesellschaft einbinden und dem Engagement für urbane Nachhaltigkeit damit ein „Label“ geben. Wie das geht, erklärt sie im Interview mit #stadtvonmorgen.

Die zirkuläre Wertschöpfung auf der eigenen Agenda

#stadtvonmorgen: Frau Keupen, Aachen unterzeichnet die European Circular Cities Declaration und wird als zweite deutsche Stadt nach Freiburg Circular City. Warum?

Sibylle Keupen: Warum sich Aachen an der Circular-City-Initiative beteiligt, hat verschiedene Dimensionen. Einmal handelt es sich um eine Initiative europäischer Städte. Das ist für Aachen als Europastadt ein passender Kontext. Inhaltlich sehen wir in unserem Engagement als Circular City die Chance, vom fachlichen Austausch mit anderen europäischen Städten zu lernen, Expertise zu teilen und uns selbst zu reflektieren. Mit der Deklaration tritt Aachen einer Community europäischer Städte bei, die die zirkuläre Wertschöpfung auf die eigene Agenda setzen und dies auch als Botschaft an die europäische Ebene senden. Genauso bezieht die Stadt ihre dafür engagierten Akteure der Stadtgesellschaft wie die Hochschulen ein. Nach Freiburg ist Aachen die zweite deutsche Stadt, die als Circular City zeigt, wie sich Nachhaltigkeit umfassend in städtischem Handeln umsetzen lässt.

#stadtvonmorgen: Was konkret bedeutet es für Aachen, Circular City zu werden?

Sibylle Keupen: Die European Circular Cities Declaration ist für uns ein Rahmen, der zivilgesellschaftliches Engagement umfasst – das von Bürgern, Organisationen, Hochschulen und Unternehmen. Die Stadt geht voran. Alleine würde sie die Transformation zur Kreislaufwirtschaft aber nicht schaffen. Dazu braucht es ein breites Engagement. Dieses wollen wir als Circular City fördern. Zudem werden wir nach der Unterzeichnung der Deklaration Indikatoren formulieren und Ziele definieren, die die Verwaltung und die Politik daran binden, konkrete Maßnahmen zu unternehmen.

Energiewende und Strategiewende beim Bauen

OBM Sibylle Keupen aus Aachen (Quelle: Stadt Aachen/Jo Magrean)

OBM Sibylle Keupen aus Aachen (Quelle: Stadt Aachen/Jo Magrean)

#stadtvonmorgen: Welches können denn Handlungsfelder für die Stadt sein?

Sibylle Keupen: Ein klassisches Handlungsfeld für die Stadt ist die Abfallwirtschaft. Doch auch auf dem Feld der Energiewende kann die Stadt viel tun – von der Produktion Erneuerbarer Energien bis zur energetischen Sanierung der eigenen Gebäude. Wir können im Bereich des Bauens und Sanierens auf den Einsatz nachhaltiger Baumaterialen und -weisen achten. Hier zeichnet sich durchaus eine Strategiewende ab: Der Blick geht nicht nur auf den Neubau, sondern verstärkt auch auf die Ertüchtigung bestehender Bauten. Dies hat nicht zuletzt Effekte auf den Städtebau. Ich denke etwa an die Innenstadtentwicklung und das Bestreben, Leerstände mit neuen Nutzungen zu belegen. All diese Aspekte wirken zusammen. Gerade im Bereich des Bauens lässt sich das Ziel der Kreislaufwirtschaft in vielen Facetten veranschaulichen: vom nachhaltigen Bauen bis zur anschließenden Bewirtschaftung des Gebäudes, inklusive seines Energiebedarfs.

#stadtvonmorgen: Stichwort Energie.

Sibylle Keupen: Unter anderem verfolgt die Stadt das Ziel, die Hälfte ihres Strombedarfs mit selbst produzierter Energie abzudecken. Dazu gehört, dass sie ihre Gebäude mit Solartechnik ausstattet. Dafür steht ein Investitionsvolumen von 18 Millionen Euro bereit. Insgesamt investiert die Stadt rund 100 Millionen Euro in fünf Jahren für den Klimaschutz – dies umfasst neben der Solaroffensive auch Maßnahmen der Fassadenbegrünung oder Aspekte der nachhaltigen Mobilität wie die Anschaffung emissionsfreier Fahrzeuge für den öffentlichen Personennahverkehr.

Circular City als Element der Nachhaltigkeitsarbeit

#stadtvonmorgen: Sie haben das breite Engagement der Stadtgesellschaft für Nachhaltigkeit angesprochen. Wie wichtig ist die Akzeptanz in der Stadtgesellschaft und in der Lokalpolitik für „Circular City“?

Sibylle Keupen: Die Entscheidung für die Circular-City-Initiative hat ihren Weg durch die Politik genommen. Der Stadtrat hat den Beitritt zur Circular-City-Deklaration einstimmig beschlossen und sich gleichsam dafür ausgesprochen, dies öffentlichkeitswirksam zu tun. Demnach kamen zu der Auftaktveranstaltung zahlreiche Akteure der Zivilgesellschaft aus den Bereichen Wissenschaft, Industrie, Architektur, Abfallwirtschaft und Verwaltung. Es war eine Art Kickoff für weiteres. Grundsätzlich hat Aachen in Sachen Nachhaltigkeit eine gewisse Tradition mit über 200 zivilgesellschaftlichen Initiativen, in denen über 20.000 Menschen aktiv sind. Zudem sind unsere Hochschulen – ich denke etwa ans Institut für anthropogene Stoffkreisläufe an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) – wichtige Aktivposten. Insofern ist der Boden geebnet, dieses Engagement zu verstärken. Als Circular City verleihen wir ihm sozusagen ein städtisches Label. Die Unterzeichnung war ein feierlicher Moment, der eine breite Zustimmung dafür markiert. Sie bedeutet einen Impuls in die Stadtgesellschaft, das mannigfaltige Engagement für Nachhaltigkeit, das sich vom Foodsharing bis zum fairen Handel erstreckt, weiter zu forcieren.

#stadtvonmorgen: Sie sprechen das vielgestaltige Engagement in Aachen für Klimaschutz und Nachhaltigkeit an. Fügt sich unter dem Label „Circular City“ nun alles zusammen, oder gibt es einen konzeptionellen Überbau für die Nachhaltigkeitsarbeit der Stadt?

Sibylle Keupen: Es ist Teil der Gesamtstrategie. Die Nachhaltigkeitsarbeit hat viele Facetten, die miteinander verzahnt sind, etwa den Klimaschutz, die Kreislaufwirtschaft, die Mobilitätswende. Was Circular City oder die Kreislaufwirtschaft besonders auszeichnet, ist der spezielle Fokus auf den Umgang mit Rohstoffen und Ressourcen. Dieser ist besonders gut dazu eignet, die Menschen für das Thema Nachhaltigkeit zu gewinnen. Zuletzt haben die Stadt, die RWTH und die Fachhochschule ein gemeinsames Pfandsystem für Mehrwegtrinkbecher aufgebaut. Wir laden lokale Gastronomen dazu ein, sich in das Pfandsystem einzubringen. Auf diese Weise transportieren wir einen Teil des Kreislaufwirtschaftsgedankens in die Stadtgesellschaft und hoffen auf weitere Mitstreiter.

Circular City als Multiplikator: „Jeder ist betroffen“

#stadtvonmorgen: Die Circular City markiert also eine Philosophie, die sich in verschiedenen Projekten widerspiegelt.

Sibylle Keupen: Ja. Das Thema erfasst grundsätzlich viele Lebensbereiche – überall, wo Rohstoffe und Ressourcen verwendet werden. Jeder ist betroffen. Im Kontext unserer Nachhaltigkeitsstrategie ist die Circular City ein guter „Pack an“, die Stadtgesellschaft einzubeziehen.

#stadtvonmorgen: Der Circular-City-Gedanke umfasst auch die Idee der Transformation der Wirtschaft. Ähnlich wie beim Kampf gegen den Klimawandel wird den Kommunen dafür als Akteure vor Ort eine maßgebliche Rolle zugeschrieben. Doch welchen Handlungsradius hat die Stadt überhaupt, und wo sind gegebenenfalls Grenzen, etwa durch nationale und europäische Rahmen? Kann sich die Stadt einfach so in eine Circular City verwandeln?

Sibylle Keupen: Sie kann sich durchaus in eine Circular City transformieren. Gleichwohl können gesetzliche Rahmenbedingungen dabei helfen, diese Transformation zu beschleunigen. Nehmen wir das Beispiel des Pfandsystems. Gäbe es eine gesetzliche Verpflichtung dazu, wäre der Einsatz von Mehrwegbechern keine Frage mehr. Wir wären mit unserem Anliegen schneller am Ziel. Im Augenblick müssen wir hingegen auf Eigeninitiative und individuelle Bereitschaft zum Mitmachen setzen. Andererseits gilt aber auch: Ein gesetzlicher Rahmen ersetzt nicht die Überzeugungsarbeit, die wir leisten müssen. Denn eine individuelle Haltung zur Ressourceneffizienz lässt sich nicht gesetzlich verordnen.

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