Die EU berät über ein Verbot von Gummigranulat in Kunstrasenplätzen. Das könnte den Breitensport in Kommunen treffen und hohe Kosten verursachen.

Füllmaterialien aus Kunststoff für Kunstrasenplätze beschäftigen im Augenblick die Europäische Chemikalienagentur (ECHA). Im Auftrag der EU-Kommission prüft die ECHA, ob solches Granulat verboten werden soll, da es als Mikroplastik in die Umwelt geraten kann. Die Entscheidung darüber könnte eine weitreichende Auswirkung auf die Kunstrasenplätze von Städten und auf die von Vereinen, die nicht selten mit kommunalen Mitteln gefördert sind, haben. Die Diskussion zeigt nicht nur die Betroffenheit der Kommunen von europäischen Reglements, sondern unterstreicht auch die verantwortungsvolle Rolle der Städte bei der Umsetzung von Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit.

Im ersten Halbjahr 2020 wird mit den Untersuchungsergebnissen der ECHA gerechnet. Nach Rechnungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) würde ein Verbot des Füllmaterials bundesweit Austauschkosten von „vielen Millionen Euro“ verursachen. Pro Platz ist mit einem mittleren fünfstelligen Betrag zu rechnen. Nicht nur Kommunen, sondern auch Sportvereine wären davon finanziell betroffen – manche existentiell.

Der Austausch könnte außerdem den Sportbetrieb empfindlich stören. Daher fordert der DFB einen „klaren Blick auf die Belange des Sports“. Ohne Kunstrasenplätze könne vor allem in größeren Städten kein ausreichendes Fußballangebot gewährleistet werden. Dies hänge auch damit zusammen, dass die Nutzungsdauer eines Kunstrasenplatzes von rund 2.000 Stunden pro Jahr die eines Naturrasenplatzes mit rund 800 Stunden pro Jahr deutlich übersteige.

Kork als Alternative zum Gummigranulat

Bereits 2013 hat sich die Stadt Bielefeld dazu entschieden, anstelle des Gummigranulats auf ihren Plätzen Korkgranulat zu verfüllen. Dabei habe sich gezeigt, dass Korkgranulat schnell durch Regen abgeschwemmt werden könne, wie ein Stadtsprecher mitteilt. Aus ökologischen und gesundheitlichen Gründen habe man 2016 dennoch beschlossen, die Kunstrasenplätze nur noch damit zu verfüllen. Der Vorteil liege darin, dass das Korkgranulat „nachweislich die sportfunktionalen Eigenschaften unterstützt, durch seine Struktur das Aufheizen des Platzes im Sommer verringert und bei Abschwemmen durch starke Niederschläge das Regenwasser nicht mit Schadstoffen belastet“.

Bielefeld ist nicht die einzige Stadt, die Alternativen sucht. „Wir beobachten, dass Städte mittlerweile fast ausschließlich auf natürliche oder mineralische Materialien setzen“, sagt Lennart Kern, Sprecher des Sportplatzbauers Heiler. Der Umstieg vom Gummigranulat auf Kork oder Sand sei oft unabhängig von der aktuellen EU-Prüfung.

Austausch des Füllmaterials könnte Millionen verschlingen

Im Falle eines Verbots fordert der DFB Übergangsregeln, die den Sportbetrieb berücksichtigen, sowie eine „möglichst kostenneutrale Lösung für die Vereine und Kommunen“. Ein Kunstrasenplatz ist mit rund 40 Tonnen Granulat befüllt, von denen nach Schätzungen zwischen einem und vier Prozent, also zwischen 400 und 1.600 Kilogramm, jährlich ausgetragen werden.

In Deutschland gibt es derzeit laut DFB 5.109 für den Fußballspielbetrieb gemeldete Kunststoffrasenplätze als Großspielfelder sowie 776 Klein- und Minispielfelder. Jährlich werden rund 200 Kunststoffrasenplätze neu gebaut beziehungsweise von Grund auf erneuert. Die Kosten für den Austausch des Füllmaterials der betroffenen Kunstrasenplätze schätzt der DFB insgesamt auf einen „hohen zweistelligen Millionenbereich“ von bis zu 90 Millionen Euro. Zur Präzisierung dieses Schätzwertes seien „vertiefte Analysen“ erforderlich. Manche Schätzungen gingen sogar von „einem dreistelligen Millionenbetrag“ (bis zu 250 Millionen Euro) aus.

Der Beitrag stammt aus der aktuellen OBM-Zeitung (01/20).

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