Die EU will die Klimaneutralität bis 2030 auf lokaler Ebene voranbringen. Dafür sucht sie 100 Modellstädte. Einige deutsche bewerben sich.

Der Kampf gegen den Klimawandel wird in den Städten entschieden. Hier konzentrieren sich unter anderem die Energiewende, die Mobilitätswende oder die Reduktion von CO2-Emissionen. 2050 leben voraussichtlich 85 Prozent der Europäer in Städten. Daher fokussiert die europäische Strategie, was die gesellschaftliche Transformation angeht, gezielt die lokale Ebene. Das EU-Programm „100 climate-neutral cities by 2030 – by and for the citizens“ möchte nun Modellstädte fördern, bis 2030 klimaneutral zu sein. Rund 400 Städte haben bereits ihr Interesse dafür bekundet. Darunter sind zahlreiche deutsche.

100 Städte als „Innovation Hubs“ für Klimaneutralität

Die 100 ausgewählten Städte sollen Labor für ganz Europa sein. Mit dem European Green Deal möchte die EU bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent werden. Die Modellstädte könnten dafür als „Innovation Hubs“ für die gesamte EU bis 2030 Lösungen erproben und umsetzen. Als Innovationskern sollen sie andere Städte auf deren Weg zur Klimaneutralität inspirieren. Die Europäische Union gibt die 100 ausgewählten Städte in den nächsten Wochen bekannt.

Neben den konkreten Maßnahmen zur Klimaneutralität geht es in dem Programm auch um eine Verankerung der Klimaarbeit in urbanen Planungsprozessen sowie um den Einsatz smarter Systeme und Datenplattformen. Zudem gehört es zur „Mission“ der ausgewählten Städte, Modelle für die beabsichtigte tiefgreifende gesellschaftliche Transformation auf den Ebenen der Ökonomie und Finanzwirtschaft aufzuzeigen. Darüber hinaus zielt das Programm darauf ab, eine neue Art der Multilevel Governance und der Kollaboration zwischen den staatlichen Ebenen zu stimulieren.

EU unterstützt Städte auf dem Weg zur Klimaneutralität

Um in den ausgewählten Städten und Regionen die Klimaneutralität bis 2030 zu erreichen sowie diese zum Vorbild für andere zu machen, berät die Europäische Union die 100 Kommunen individuell. Dabei möchte sie den Weg zur Klimaneutralität auch finanziell und strukturell ebnen, etwa durch Erleichterungen beim Zugang zu Förderprogrammen. Dazu verleiht die EU den Modellstädten unter anderem ein sogenanntes Mission Label. Das Label weist die Pilotstädte offiziell als Modelle der EU aus.

Zudem unterzeichnen die für die lokale Klimaarbeit jeweils relevanten Akteure und Entscheidungsträger gemeinsam mit Vertretern der EU einen „Climate City Contract“. Der Vertrag untermauert die gemeinsamen Anstrengungen für den Klimaschutz. Er formuliert ein Bekenntnis zu den in den jeweiligen Städten vereinbarten Maßnahmen.

Marburg bereits auf dem Weg zur Klimaneutralität

Das Ziel der Klimaneutralität bis 2030 trifft die Ambitionen vieler deutscher Städte. Daher haben sich einige um eine Teilnahme an dem EU-Programm beworben. Darunter ist die hessische Stadt Marburg. „Der Aufruf der EU zu der Städte-Mission ist wie für uns gemacht: Wir sind bereits große Schritte auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt gegangen“, sagt Oberbürgermeister Thomas Spies.

Die Stadt hat ein Klimaschutzkonzept 2030 entwickelt und davon schon einige Projekte umgesetzt. Das Engagement der Stadtgesellschaft ist dabei ein maßgeblicher Faktor. Schließlich könnten „nur alle gemeinsam“ – Politik, Bürger und Wirtschaft – die Aufgabe des Klimaschutzes lösen, so Spies. „Viele Städte stehen vor den gleichen oder zumindest ähnlichen Herausforderungen wie wir. Deswegen ist es gut, wenn wir voneinander lernen, gemeinsam kreative und pragmatische Lösungen entwickeln und uns gegenseitig Tipps geben.“

Unter anderem setzt die Stadt hinsichtlich der Mobilitätswende auf einen konsequenten Ausbau der Radwege und des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Was die Energiewende betrifft, installiert sie wo möglich Photovoltaikanalgen und saniert ihre Gebäude unter energetischen Gesichtspunkten. Zudem setzt sie mit eigenen Förderprogrammen Anreize, um die Bürger ebenfalls zum Bau von Photovoltaikanlagen, zu Sanierungsmaßnahmen oder zum Umstieg auf E-Bikes und Lastenräder zu animieren.

Dresden hofft auf „mehr Tempo“ beim Klimaschutz

Genauso erhofft sich die sächsische Landeshauptstadt Dresden vom EU-Programm „100 climate-neutral cities“ nach eigenen Angaben „mehr Tempo für den Klimaschutz“. Die Stadt bekannt sich laut Stadtratsbeschluss zum Ziel der Klimaneutralität „deutlich vor 2050“. Wie Spies hat Oberbürgermeister Dirk Hilbert, was die Klimaarbeit betrifft, die gesamte Stadtgesellschaft im Blick. Für viele sei Klimaneutralität „noch sehr abstrakt“. Zudem drohe angesichts steigender Energiepreise die Akzeptanz für manch wichtige Maßnahme zu schwinden. Mit der Bewerbung um einen Platz in der EU-Mission verfolge Dresden daher nicht zuletzt den Ansatz, bewusstseinsbildend zu wirken.

Für Dresden bewerben sich die Stadtverwaltung, der kommunale Energieversorger SachsenEnergie, die Stadtentwässerung und die Stadtreinigung gemeinsam. Das Ensemble unterstreicht die Notwendigkeit aufeinander abgestimmter Maßnahmen, um die kommunale Infrastruktur und Daseinsvorsorge in Richtung Klimaneutralität zu lenken. Unter anderem zielen die Akteure darauf auf, die Produktion der erneuerbaren Energien vor Ort voranzubringen und auf deren Basis die Energieversorgung im Stadtgebiet – auch die der Industrie – sicherzustellen. Dies geschieht etwa mit dem Ausbau von Photovoltaik- und Windenergieanlagen sowie eines Fernwärmesystems. Darüber hinaus widmet sich die Stadt der Mobilitätswende: Sie fördert den Umweltverbund sowie emissionsarme Antriebstechnologien.

München will Erreichen der Klimaziele beschleunigen

Die bayerische Landeshauptstadt München (Foto oben) hat sich zwar zum Ziel gesetzt, bis 2035 klimaneutral zu werden. Dafür hatte der Stadtrat ein zusätzliches Klimabudget bis 2026 in Höhe von einer halben Milliarde Euro und rund 70 konkrete Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen beschlossen. Doch nun erhofft sich die Stadt, durch Teilnahme an der EU-Mission die Klimaneutralität bereits fünf Jahre früher erreichen zu können.

Daher fokussiert sie sich laut eigener Presseinformation in ihrer Bewerbung insbesondere auf die Stadtgebiete, die weniger mit der Transformation von langlebiger Infrastruktur zu tun haben. Denn bis 2030 sei nicht damit zu rechnen, dass die Dekarbonisierung der Fernwärme im Fernwärmegebiet und der Ausbau des schienengebundenen Nahverkehrs schon komplett in der ganzen Stadt abgeschlossen sein können.

Braunschweig will „Vorreiterrolle in Europa“ einnehmen

Derweil arbeitet Braunschweig zunächst an einer „Bestandsaufnahme“ hinsichtlich der eigenen Klimaarbeit. Demnächst möchte die Stadt ein neues Klimaschutzkonzept vorstellen. „Bis 2030 klimaneutral zu werden, ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit“, sagt Oberbürgermeister Thorsten Kornblum. „Mit der Bewerbung bekunden wir unser Interesse, eine Vorreiterrolle in Europa einzunehmen. Braunschweig ist führender Wissenschaftsstandort und als solcher besonders geeignet, innovative und vorbildliche Lösungen zu erproben, um klimaneutral zu werden.“

a.erb@stadtvonmorgen.de

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