Die Stadt Kiel arbeitet an einem Konzept zur Abfallvermeidung und will die erste deutsche Zero-Waste-City werden.

Angesichts des Klimawandels entwickeln die Menschen eine größere Sensibilität für Nachhaltigkeit. Der Begriff „Zero Waste“ beschreibt einen Lebensstil ohne Abfallproduktion. Auch Städte setzen sich Zero-Waste-Ziele. Die Stadt Kiel will dafür eine Vorreiterin sein. Als erste deutsche Stadt peilt sie eine Zertifizierung als Zero Waste City an.

Bürgerschaftliches Engagement für den Zero-Waste-Gedanken

„Ich bin ins kalte Wasser gesprungen.“ 2014 nahm Marie Delaperriere ihren Mut zusammen und startete in die Selbständigkeit. Sie eröffnete den nicht nur in Kiel, sondern auch in Deutschland ersten „Unverpackt-Laden“ – ein Geschäft, das weitestgehend auf Verpackungen verzichtet und dessen Kunden somit ohne entsprechende Abfälle auskommen.

„Inzwischen gibt es über 100 solcher Läden im deutschsprachigen Raum“, sagt Delaperriere. „Man kann von einer Bewegung sprechen.“ Sogar die Stadt Kiel widmet sich nun dem Thema. Motiviert von zivilgesellschaftlichem Engagement wie dem Delaperrieres leistet die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt ebenfalls Pionierarbeit und macht sich auf, die erste Zero Waste City Deutschlands zu werden und ihre Abfallmenge zu minimieren.

Kommunen als Multiplikatoren des Zero-Waste-Gedankens

„Mein ursprüngliches Ziel war es zu zeigen, dass man viele Lebensmittel einkaufen kann ohne auf eine Einwegverpackung angewiesen zu sein“, sagt Delaperriere. „Dabei geht es oft nicht um Verzicht, sondern lediglich um ein Umdenken.“ Mit der Gründung ihres Unternehmens habe sie ein Zeichen setzen wollen, um einen „Kampf gegen Einwegverpackungen und die Wegwerfgesellschaft anzustoßen“.

In Kiel hat sie dafür Mitstreiter gefunden, die sich in dem Verein Zero Waste Kiel organisieren. 2017 hat er sich dem europäischen Netzwerk Zero Waste Europe angeschlossen. Delaperriere spricht von drei Stoßrichtungen. Erstens wolle man im privaten Umfeld für einen Lebensstil mit einer möglichst geringen Abfallproduktion werben. Zweitens wolle man Unternehmen dazu animieren, Gleiches zu tun. Und drittens zielt der Zero-Waste-Gedanke darauf ab, Kommunen als Multiplikatoren zu gewinnen.

Kiel als erste deutsche Zero Waste City zertifiziert

Letzteres ist in Kiel gelungen. Das zivilgesellschaftliche Engagement und das Vorbild der Kieler Partnerstadt San Francisco, die sich ebenfalls den Zero-Waste-Zielen verpflichtet hat, verstärkten die lokalpolitische Relevanz des Themas. Im Herbst 2018 hat der Stadtrat daraufhin die Verwaltung beauftragt, ein kommunales Zero-Waste-Konzept zu entwickeln.

Mit diesem Handlungspaket zur Abfallvermeidung strebte Kiel als erste deutsche Stadt die Aufnahme ins Netzwerk der internationalen Organisation Zero Waste Europe an. Das Abfallvermeidungskonzept „Zero Waste für die Landeshauptstadt Kiel“ wurde mit Bundesförderung und einer breiten Bürgerbeteiligung erstellt. Der Kieler Stadtrat hat es im November 2020 einstimmig beschlossen. Auf dieser Basis wurde Kiel im Mai 2021 von Zero Waste Europe offiziell ausgezeichnet. Damit hat die Stadt den Kandidatenstatus erreicht, um als „Zero Waste Certified City“ zertifiziert werden zu können.

Zero-Waste-Ziel bis 2035: Halbierung des Restabfalls

OBM Ulf Kämpfer aus Kiel (Quelle: Landeshauptstadt Kiel/Marco Knopp)

Ulf Kämpfer (Quelle: Landeshauptstadt Kiel/Marco Knopp)

Das Ziel des Zero-Waste-Konzepts sind die Erfassung des Ist-Zustands in Kiel sowie eine Potentialanalyse, was Einspar- und Vermeidungsmöglichkeiten in Sachen Müll und Abfall betrifft. Dies geschieht mit einem umfassenden Ansatz: In die Konzeptentwicklung wolle man verschiedenste Sektoren des Stadtgeschehens einbeziehen – von der Bauwirtschaft über Industrie, Mittelstand oder Einzelhandel bis hin zu Privathaushalten, erklärt Andreas von der Heydt, Leiter des Kieler Umweltschutzamtes. Im engen Dialog mit den Akteuren erarbeite man für jede Sphäre denkbare Maßnahmen. Diese forcieren sowohl die Abfallvermeidung als auch den Ressourcenerhalt im Sinne des Recycling und der Weiterverwendung sowie einen systemischen Wandel hin zur Kreislaufwirtschaft.

Konkret zielen die Anstrengungen der Stadt darauf ab, bis 2035 die jährliche Gesamtabfallmenge pro Kopf um mindestens 15 Prozent zu reduzieren. Die Menge der Haus- und Geschäftsabfälle, also die Restabfälle, soll sich im selben Zeitraum gegenüber dem Referenzjahr 2017 halbieren. Langfristig soll sie auf 50 Kilogramm pro Kopf und Jahr sinken. Perspektivisch könnte sie sich mit den geplanten Maßnahmen bis 2050 um 70 Prozent reduzieren. So will die Stadt ein jährliches Restabfallaufkommen von 14.000 Tonnen im Jahr 2050 erreichen. Demgegenüber zeigt eine Prognose, dass das Kieler Restabfallaufkommen ohne die Umsetzung des Zero-Waste-Szenarios von 42.000 Tonnen im Jahr 2020 auf fast 50.000 Tonnen im Jahr 2050 steigen würde.

Das Kieler Zero-Waste-Konzept umfasst mehr als 100 lokale Maßnahmen zur Abfallvermeidung und -reduzierung, die es in eine Gesamtschau einbettet. „Wir setzen nicht nur auf Einzelmaßnahmen, sondern haben ein umfassendes, ganzheitliches Konzept zur Abfallvermeidung erarbeitet“, sagt Oberbürgermeister Ulf Kämpfer. Als Vorreiter dafür wolle man andere Kommunen inspirieren, Ähnliches zu tun.

Breites Engagement Voraussetzung für Zero-Waste-Projekt

In kurzer Zeit hat die Vision von einer abfallfreien Stadt in Kiel eine hohe Dynamik angenommen. „Als Stadt am Meer weiß Kiel, wie umweltschädigend und gesundheitsgefährdend vor allem Mikroplastik für unsere Gewässer ist“, sagt Kämpfer. Viele Privatpersonen sowie Unternehmen beschäftigten sich daher in Kiel ohnehin mit dem Thema Abfallvermeidung. Dieses Interesse der Bevölkerung sei „Grundvoraussetzung für das Projekt Zero Waste“.

Kiel selbst wolle das Thema zu einem Identitätsmerkmal machen. Kämpfer spricht vom „Leuchtturm der Nachhaltigkeit im Norden“ und sieht in seiner Stadt dafür ein hohes Innovationspotential etwa im Kontext der örtlichen Hochschulen und der Start-up-Szene.

Erste Initiativen: Gegen Plastiktüten und Einwegbecher

Parallel zur konzeptionellen Arbeit ist die Stadt schon seit längerem damit beschäftigt, konkrete Maßnahmen zur Abfallvermeidung umzusetzen. Diese verdeutlichen die Kieler Idee, wie der Weg zu einer Zero Waste City gegangen werden kann. Etwa lud die Verwaltung bereits 2015 die örtlichen Einzelhändler zu einem „Runden Tisch für ein plastiktütenfreies Kiel“ ein. Auf dieser Basis entwickelte sich – bevor es im April 2016 eine ähnliche Vereinbarung zwischen dem Bundesumweltministerium und dem Handelsverband gab – ein breiter Konsens unter einer Vielzahl von Kieler Händlern, in ihren Geschäften auf die Herausgabe von Plastiktüten zu verzichten oder diese zumindest möglichst einzudämmen.

Das Engagement der Stadtgesellschaft ist ein Schlüssel zum Erfolg: „Wir waren überrascht, wie viele Einzelhändler innerhalb kurzer Zeit umgestellt haben. Es ist eine große Bereitschaft von Unternehmen zu erkennen, hier innovativ zu sein und sich einbinden zu lassen“, resümiert Kämpfer.

Daher fand der Runde Tisch unter dem Motto „Kaffee geht Mehrweg“ eine Fortsetzung: Dies war der Anstoß für ein Pfandsystem, das regionale Betriebe wie Lokale oder Großbäckereien gemeinsam implementieren. So hofft die Stadt, das Aufkommen von Einwegkaffeebechern deutlich reduzieren zu können. Die Stadt selbst geht vorweg: Bei der Kieler Woche, einer Großveranstaltung, hat sie das nach eigenen Angaben größte Pfandbechersystem, bestehend aus insgesamt rund 1,5 Millionen Bechern, eingesetzt.

Abfallvermeidung: Kommunaler Einfluss hat Grenzen

Doch wie realistisch ist es überhaupt, dass eine Stadt komplett abfallfrei wird? Dafür bedürfe es kleiner Schritte und umsetzbarer Ziele, sagt von der Heydt. „Vor allem geht es um eine Verhaltensänderung. Wenn es gelingt, die jeweiligen Prozesse wirtschaftlich zu gestalten – schließlich hat die Vermeidung von Müll durchaus etwas mit der Einsparung von Ressourcen und somit auch von Geld zu tun –, dann findet sich dafür schnell ein breiter Konsens.“

Am Beispiel des Pfandbechersystems zeige sich, dass viele Marktteilnehmer folgten, wenn ein „großer Player“ modellhaft voranschreite und somit eine strukturelle Grundlage geschaffen sei. Insofern geht von der Heydt davon aus, dass es rasch gelingen kann, schon mit ersten Maßnahmen große Abfallmengen einzusparen. Aber: „Irgendwann kommt der kommunale Einflussbereich an seine Grenzen.“ Ebenso seien also die Produkthersteller, die Verpackungsindustrie sowie überregional agierende Konzerne mit Filialen gefragt, auf Lösungen zu setzen, die dem Gedanken der Kreislaufwirtschaft entsprächen.

Städte als Umsetzer globaler Nachhaltigkeitsziele

Für Kämpfer zeigt sich an der internationalen Vernetzung der Städte, die sich dem Zero-Waste-Gedanken verpflichten, überdies die wachsende Bedeutung von Städten für die Erreichung globaler Nachhaltigkeitsziele. „Obwohl viele dieser Herausforderungen auf internationaler Ebene sichtbar sind, kommt den Kommunen eine wichtige Bedeutung zu, denn sie bilden den Lebensraum vieler Menschen und sind mit diversen Nachhaltigkeitsthemen konfrontiert. Hier findet die Politik nah genug an den Forderungen, Wünschen und Bedürfnissen der Gesellschaft statt, um direkt darauf eingehen zu können.“

Gerade die Abfallwirtschaft sei ein Bereich, der lokal gesteuert werde und meist in kommunaler Verantwortung liege. Hier biete sich den Städten also ein besonders großer Gestaltungsspielraum mit besonders großer Verantwortung für globale Aufgaben.

Die internationale Vielgestaltigkeit der lokalen Abfallwirtschaftssysteme bedeutet aber durchaus auch eine schlechte Vergleichbarkeit, wenn es um schlüssige Kriterien für die Bewertung einer Stadt als Zero Waste City geht. Entsprechend müssten die Anstrengungen einer Kommune für die Abfallreduzierung stets in ihrem jeweiligen nationalen Kontext gesehen und gemessen werden, meint Delaperriere. Auch hier leistet sie Pionierarbeit: Im europäischen Zero-Waste-Netzwerk ist sie Teil der Arbeitsgruppe, die daran arbeitet, die Kriterien für die Zertifizierung von Städten als Zero Waste City zu schärfen.

Der Beitrag stammt aus der OBM-Zeitung (3/2019), erschienen im September 2019. Für die Online-Veröffentlichung wurde er leicht aktualisiert. 

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