Biodiversität und Stadtklima: Pirmasens gestaltet das Grünflächenmanagement nachhaltig. Es geht auch um Wirtschaftlichkeit und Partizipation.

Als „Klimaaktiver Kommune“ gilt das Augenmerk der Stadt Pirmasens auch der Artenvielfalt in Parkanlagen, auf Grünflächen und insgesamt im urbanen Raum. Erste Initiativen zum Aufbau eines nachhaltigen Grünflächenmanagements liegen mehr als 15 Jahre zurück und mündeten 2019 in einer Biodiversitätsstrategie. Dabei geht es nicht zuletzt um die Lebensqualität in der Stadt. Zudem bringt die Stadt angesichts eines angespannten Haushalts damit Nachhaltigkeit und Ökonomie in Einklang. Außerdem nutzt sie pädagogische Effekte, die sich daraus ergeben, und setzt auf Bürgerpartizipation. Ein Gastbeitrag von Michael Maas.

Siegel „StadtGrün naturnah“ in Silber für Pirmasens

Städtische Räume begrünen, in diesem Zuge den Artenreichtum fördern, die Bürger dabei aktiv einbeziehen und nicht zuletzt auch wertvolle Ressourcen einsparen: Für die nachhaltige Gestaltung seiner städtischen Parkanlagen, Grünflächen und Spielplätze wurde Pirmasens zuletzt vom Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ mit dem Siegel „StadtGrün naturnah“ in Silber ausgezeichnet. Hintergrund für die Verleihung des Labels ist das vorbildliche Engagement der westpfälzischen Stadt bei der naturnahen Flächengestaltung und -pflege im öffentlichen, aber auch im privaten Raum, um Mensch und Natur ein attraktives Lebensumfeld zu bieten.

Neben den ökologischen spielen hier aber gerade auch wirtschaftliche Aspekte eine wichtige Rolle. So kann die rund 42.000 Einwohner zählende kreisfreie Mittelstadt mit ihrem nachhaltigen Grünflächenmanagement bares Geld sparen. Damit reduziert sie wiederkehrende Kosten und senkt die allgemeine Abgaben- und Steuerlast spürbar.

Grün in der Stadt: der Strecktalpark in Pirmasens. (Quelle: Stadt Pirmasens/Sabine Reiser)

Grün in der Stadt: der Strecktalpark in Pirmasens. (Quelle: Stadt Pirmasens/Sabine Reiser)

Hügellage der Stadt hat klimatische Effekte

Biologische Vielfalt erfordert Rahmenbedingungen. Dass die in Pirmasens vergleichsweise gut ausfallen, hängt mit ihrer Lage am Rande des Pfälzerwalds, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet in Deutschland, zusammen. Ein Drittel des eine Fläche von 61,37 Quadratkilometern umfassenden Stadtgebiets ist heute bewaldet.

Hinzu kommen topologische Besonderheiten. So gibt es hier naturgemäß weder Flutwellen noch Lawinenabgänge, das Klima ist mild und der Boden fruchtbar. Auch die Hügellage erweist sich als wertvolle „Klimaanlage“. Anders nämlich als in Kessellagen sorgt hier eine natürliche Thermik für regelmäßige sauerstoffreiche und kühlende Luftströme.

Die gemessenen Luftwerte in Pirmasens sind vergleichbar mit denen der Referenzmessstation des rheinland-pfälzischen Landesamts für Umwelt am Standort Hortenkopf inmitten des Pfälzerwalds. Hitzestaus und Feinstaubbelastungen kennt man in der Siebenhügelstadt demzufolge faktisch nicht.

Urbane Begrünung in verschiedenen Ausprägungen

Was ihr Grünflächenmanagement betrifft, setzt Pirmasens auf einen systematischen Ansatz. Grundsätzlich kennt eine urbane Begrünung verschiedene Ausprägungen. Dazu zählen das edle Repräsentationsgrün etwa im Umfeld markanter städtischer Gebäude und diverse zu pflegende Parkanlagen. Diese grenzen sich ab von flexiblen Potenzialflächen, die mit ihren großzügigen Rasen- und Freiarealen jederzeit Umnutzungen möglich machen. Vor allem an den Stadtgrenzen und Vororten prägen hingegen Wiesen das abwechslungsreiche Landschaftsbild.

Repräsentationsgrün vor dem Carolinensaal in Pirmasens (Quelle: Stadt Pirmasens/Jan-Erik Nord)

Repräsentationsgrün vor dem Carolinensaal in Pirmasens (Quelle: Stadt Pirmasens/Jan-Erik Nord)

Darüber hinaus gewinnt das Straßenbegleitgrün mit seiner Funktion, das Mikroklima zu optimieren, an Bedeutung. Dazu zählen kleinere Blühstreifen, die in Pirmasens eine Gesamtfläche von rund 5.000 Quadratmetern ergeben. Anders als pflegeintensive Blumenbeete bieten sie nicht nur ansprechende Optik, sondern begünstigen auch die Artenvielfalt.

Darüber hinaus werden diesem Bereich rund 3.000 der erfassten 10.000 Bäume in Pirmasens zugeordnet. Insbesondere dort, wo sich reichlich Straßenasphalt und direkt an Häuserbauten angrenzende Gehwegepflasterung zu hohen Versiegelungsgraden summieren, sind sie „grüne Lungen“, die einer drohenden Überhitzung entgegenwirken. Schließlich beschatten die Bäume nicht nur und sorgen für CO2-Absorption sowie die Zufuhr von Sauerstoff, sondern feuchten auch die Luft an und filtern allerlei Schadstoffe. Außerdem entsteht durch die CO2-Aufnahme bei der Fotosynthese fortwährend Wasserdampf, der an die Umwelt abgegeben für Kühlung sorgt. Der natürliche Schutz vor Überwärmung wirkt indes nicht nur Extremniederschlagsereignissen entgegen, er befördert ebenso das Wohlbefinden der Menschen.

Ein neues Grünflächenmanagement mit System

So vielfältig wie die Art der Begrünung gestalten sich die Ansprüche an ihre Pflege. Daher hat man sich in Pirmasens schon 2014 auf den Weg gemacht, alle Flächen in einem Kataster zu erfassen und zu systematisieren.

Gleichzeitig wurde protokolliert, welche Fläche welchen Pflegeaufwand in welchem Intervall nach sich zieht. Zur Bestandaufnahme gehörten die Arbeitszeit, Gerätestunden und Materialverbräuche. Ziel war es, die für die Pflege anfallenden Prozesse zu optimieren: Ist denn eine intensive Begrünung überhaupt notwendig, oder gibt es vielleicht Alternativen mit geringerem Aufwand?

Im Ergebnis hat die Stadt Pirmasens rund 270.000 Quadratmeter von ihren rund 450.000 Quadratmetern öffentlicher Grünflächen mittels verschiedener Maßnahmen auf eine extensive Pflege umgestellt. So wurden vermehrt Blühwiesen angelegt. Diese fördern einerseits über in der städtischen Gärtnerei selbst produzierte artenreiche Samenmischungen die Biodiversität und erfordern andererseits nur eine oder zwei Mahden pro Jahr, womit sie den Pflegeaufwand reduzieren.

Über die gesamte Stadt hinweg sind naturnahe Staudenbeete in Kiessubstrat entstanden, wo eine standortgerechte Pflanzenauswahl die notwendigen Pflegegänge durchschnittlich von acht auf drei herabgesetzt hat. Damit einhergeht eine Einsparung von Wasser, Personal und Maschinenzeit.

Ein besonders augenfälliger Beleg des Zusammenspiels von Ökologie und Ökonomie zeigt sich im Ortsteil Erlenbrunn. Dort konnten mithilfe eines Einwohners besonders geeignete Weidetiere auf Wiesen etabliert werden, die den Einsatz von Personal und Maschinen ersetzen.

Multiplikatoren gewinnen: „Essbare Stadt“ bis „Urban Gardening“

Blühende Parklandschaft: der Neufferpark in Pirmasens. (Quelle: Stadt Pirmasens/Rüdiger Buchholz)

Blühende Parklandschaft: der Neufferpark in Pirmasens. (Quelle: Stadt Pirmasens/Rüdiger Buchholz)

Aber nicht nur Umwelt und städtischer Haushalt profitieren von solchen Initiativen. Die Auseinandersetzung mit einem strukturierten Grünflächenmanagement und Biodiversität strahlt gleichzeitig positiven gesellschaftliche Effekte aus. Es geht um Teilhabe und Vorbildfunktion sowie ein pädagogisches Begleitprogrammen für Kinder und Jugendliche.

Zu den einschlägigen Projekten, die Stadtbild und Zeitgeist in Einklang bringen sollen, gehört die „essbare Stadt“: Seit 15 Jahren werden in Pirmasens vermehrt Spalierobst und Obststräucher gepflanzt. Auch wenn der Versorgungsaspekt hier eine untergeordnete Rolle spielt, dürfen die Einwohner die Früchte mitnehmen und frei verwenden. Beim „Urban Gardening“, das den „Essbaransatz“ auch auf Salate und Gemüse wie Bohnen, Mais und Kohl ausweitet, geht es zudem um pädagogische Aufklärung und Bürgerpartizipation.

Eben diese Partizipation spiegelt sich in den Grünflächenpatenschaften wider. Bereits bei der Flächengestaltung werden die Anrainer weitestgehend eingebunden und können sich später als Paten ehrenamtlich durch eigenverantwortliche Pflegearbeiten einbringen mit Bewässern, Mähen und Wintersicherung. Willkommener Nebeneffekt: An die aktuell über 70 Grünflächenpaten werden immer wieder auch Restbestände der städtisch erzeugten Samenmischungen für ihre eigenen Gärten abgegeben.

Das Begrünungskonzept findet somit einen fließenden Übergang vom kommunalen in den privaten Bereich. Aber auch Unternehmen mit großen Brachflächen als Vorratsflächen für ihre Unternehmenserweiterungen folgen dem Beispiel der Biodiversitätsstrategie. So hat der ansässige Lebensmittelhandelskonzern Wasgau nach städtischem Vorbild unlängst eine prächtige Blühwiese angelegt. Dies verankert den grünen Gedanken noch stärker in der Stadtgesellschaft.

Handlungsfelder mit der Biodiversitätsstrategie vernetzen

Bürgermeister Michael Maas aus Pirmasens. (Quelle: Stadt Pirmasens)

Bürgermeister Michael Maas aus Pirmasens. (Quelle: Stadt Pirmasens)

Gewissermaßen das Sahnehäubchen aller Bestrebungen in diesem Kontext sind die pädagogischen Begleitkonzepte. Diese reichen von Kindergarten- und Schulpatenschaften zur Grünflächenpflege bis hin zur Bienen-AG, die neben der schulischen Theorie mit der Bewirtschaftung eigener Bienenvölker und dem Bau von Insektenhotels „biologische Praxis“ vermittelt.

Wie weit eine integrative Vernetzung gehen kann, zeigt die gelungene Einbindung des Vereins für Rechtspflege, über den willkommene handwerkliche Unterstützung für den Bau von Insektenhäusern durch den freiwilligen Einsatz ehemals straffällig Gewordener eingeholt werden konnte. Dabei steht die Resozialisierung hier nur stellvertretend für viele andere gesellschaftliche Teilbereiche und Gestaltungsaufgaben, die sich mit der Biodiversitätsstrategie gewinnbringend verknüpfen lassen.

Der Autor

Michael Maas ist Bürgermeister der Stadt Pirmasens. Er ist zuständig unter anderem für die Ressorts Finanzen, Umwelt sowie das Garten- und Friedhofsamt.

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