Das Forschungsprojekt „Match’In“ will qualitative Kriterien und eine Software für die Verteilung von Flüchtlingen auf Kommunen entwickeln.

Mit dem Forschungsprojekt „Match’In“ möchten Akteure der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Hildesheim einen Algorithmus entwickeln, mit dem die Verteilung von Flüchtlingen qualitativ besser an lokale Bedingungen angepasst werden kann. Die Wissenschaftler erarbeiten in einer dreijährigen Projektlaufzeit für eine optimierte Verteilung entsprechende Kriterien und eine Software. Diese könnten die Integrationsarbeit von Kommunen erleichtern. Die Software soll ab Mitte 2022 bis 2024 in Pilotkommunen aus vier Bundesländern getestet werden. Am Dienstag wurden die Kommunen ausgewählt.

Pilotkommunen im Forschungsprojekt „Match’In“

Das Forschungsprojekt startete im Mai. Es läuft in Kooperation mit den Bundesländern Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Gefördert wird es von der Stiftung Mercator.

An ihm nehmen aus Hessen die Landkreise Main-Taunus, Groß-Gerau, Hochtaunus und Hersfeld-Rotenburg sowie die Stadt Darmstadt teil. Aus Niedersachsen sind die Landkreise Aurich, Helmstedt, Göttingen sowie Kommunen der Region Hannover und die Hansestadt Lüneburg vertreten. Aus Nordrhein-Westfalen sind es die Städte Essen, Hamm, Herford, Krefeld, Preußen-Oldendorf, Troisdorf und Wuppertal. Rheinland-Pfalz nimmt mit den Städten Kaiserslautern, Pirmasens und Koblenz, den Landkreisen Donnersberg und Mainz-Bingen sowie einer möglichen alternativen Kommune teil.

Besseres Matching von Kommunen und Flüchtlingen

Die Idee hinter „Match’In“ ist es, die Rolle der Kommunen sowie die örtliche Situation bei der Verteilung von Flüchtlingen im Rahmen geltender Quoten stärker zu berücksichtigen. Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, Anforderungen und Bedürfnisse von Flüchtlingen mit lokalen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen abzustimmen. So soll ein besseres „Matching“, eine bessere Übereinstimmung, erzielt werden. Davon erhoffen sich die Wissenschaftler positive Effekte auf die Integration vor Ort.

Das verbesserte Matching soll die Verwurzelung der Flüchtlinge in der Stadtgesellschaft, deren Teilhabemöglichkeiten und dadurch die Integration verbessern. Zudem wird untersucht, ob ein solches Matching dazu beiträgt, die Sekundärmigration zu verringern, also den Umzug von Flüchtlingen nach deren Anerkennung von ihrer „Aufnahmestadt“ in andere Kommunen. Die Sekundärmigration kann zu einer ungleichen Verteilung von Soziallasten führen, wenn sich einzelne Städte aufgrund lokaler Gegebenheiten als „Anziehungspunkte“ für Flüchtlinge erweisen.

Welche Kriterien sind für das Matching wichtig?

Im mehrstufigen Verfahren möchten die Wissenschaftler zunächst untersuchen, welche Kriterien für eine „abgestimmte“ Form der Verteilung von Flüchtlingen aus einer Erstaufnahmeeinrichtung in die Kommunen relevant und wie diese zu gewichten sind. Aus dem Blickwinkel der Kommunen können beispielsweise infrastrukturelle Voraussetzungen, die medizinische Versorgungslage, kulturelle Besonderheiten und Communities vor Ort, das Portfolio lokaler Integrationsangebote oder die Auslastung von Kitas und Schulen ausschlaggebende Faktoren sein. Aus dem Blickwinkel der Flüchtlinge ist die individuelle Lebenslage von Interesse, aus der sich spezielle Bedarfe ergeben – also etwa besondere gesundheitliche Anforderungen, die familiäre Situation oder berufliche Fähigkeiten.

Um einen solchen Kriterienkatalog mit entsprechender Priorisierung zu entwickeln, arbeiten die Wissenschaftler partizipativ mit den relevanten Akteuren vor Ort zusammen. Sie stimmen sich eng mit Kommunen, Sozialeinrichtungen und in der Flüchtlingsarbeit tätigen Organisationen sowie Flüchtlingen ab. Da die Bundesländer für die Verteilung von Flüchtlingen und die Kommunen für deren Aufnahme zuständig sind, arbeiten die Wissenschaftler mit beiden staatlichen Ebenen zusammen.

Matching-Software soll Verteilung optimieren

Die gesammelten Erkenntnissen sind die Grundlage der Entwicklung einer Software. Diese setzt das Matchingverfahren in der Praxis um. Ein Prototyp dieser Software soll Mitte 2022 vorliegen und dann in den Pilotkommunen zum Einsatz kommen. Die Testphase dauert bis 2024. Währenddessen wird die Software agil weiterentwickelt, um sie an die Komplexität individueller Lebenssituationen und die Unterschiedlichkeit kommunaler Voraussetzungen bestmöglich anzupassen.

An dem „Pilotprojekt zur Verteilung von Schutzsuchenden mithilfe eines algorithmengestützten Matching-Verfahrens“ sind von der Universität Hildesheim die Migration Policy Research Group mit ihrer Forschungs- und Transferstelle Migrationspolitik sowie die Arbeitsgruppe Software Systems Engineering aus dem Bereich Informatik beteiligt. Von der Universität Erlangen-Nürnberg ist es der Forschungsbereich Migration, Flucht und Integration.

Das Foto oben zeigt eine Kita in Pirmasens. Da die rheinland-pfälzische Stadt unter hohen Soziallasten ächzt und die Integration vor Ort daher gefährdet sieht, galt bis zuletzt dort eine Zuzugssperre, um die Sekundärmigration zu bremsen. Das Foto entstand 2018 bei einem Besuch in Pirmasens. Mehr zur Situation der Stadt hier.

Weitere Infos zum Forschungsprojekt gibt es hier: www.matchin-projekt.de.

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