Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko spricht vor dem Stadtrat in Hannover. Oberbürgermeister Belit Onay schlägt einen Solidaritätsfonds vor.

„Lieber sterben wir, als dass wir auf die Knie gehen.“ Kämpferisch und gezeichnet vom Grauen des Kriegs sprach der Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew soeben per Videoübertragung vor dem Stadtrat der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Dabei bedankte sich Vitali Klitschko in eindrucksvollen und emotionalen Worten für die Solidarität Deutschlands und Hannovers. Gleichzeitig forderte er mehr Unterstützung für seine Stadt und sein Land ein. Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay sichert ihm Hilfen zu.

Klitschko: „Der Krieg betrifft jeden“

„Wenn jemand denkt, der Krieg betreffe ihn nicht, ist das ein falscher Schluss. Er betrifft jeden“, sagt Klitschko sinngemäß in seiner Ansprache. „Wir kämpfen für unser Land, aber nicht nur für unser Land, sondern für jeden in der Europäischen Union.“ In bewegenden Worten beschreibt er Szenen aus seiner Stadt: zerstörte Infrastruktur, zerfetzte menschliche Körper oder die Begegnung mit dem Jungen, der in Trümmern verzweifelt nach seinen Eltern sucht – nicht wissend, dass diese längst gefallen sind. Es sei ein Wirklichkeit gewordener Alptraum. Die Realität schaffe Bilder der Grausamkeit, die jeden Horrorfilm überträfen, so der Kiewer Bürgermeister.

Bereits Anfang März sprach Klitschko vor dem Stadtrat in Würzburg. In der vergangenen Woche war er dem Lokalparlament von Kiews Partnerstadt München zugeschaltet. Mit Hannover verbindet Kiew die Zugehörigkeit zum Friedensnetzwerk „Mayors for Peace“, deren deutsche Mitglieder die niedersächsische Landeshauptstadt anführt. Zudem trug sich Klitschko 2003 mit seinem Bruder Wladmir Klitschko ins Goldene Buch der Stadt Hannover ein. Beide waren erfolgreiche Profiboxer und in ihrer Sportart Weltmeister.

Klitschko bittet um weitere Unterstützung

Klitschkos Botschaft in seinen Reden ist klar: Man könne nicht „halbschwanger“ sein. Jeder Verantwortungsträger und Politiker müsse sich entscheiden, ob er die Freiheit, den Frieden und die Ukraine unterstützt oder den Krieg und die Aggression Russlands. Klitschko bedankt sich für die Solidarität und Unterstützung aus Deutschland. Er verlangt aber auch weitere Hilfe. Diese Forderung leitet er davon ab, dass die Ukraine gemeinsame europäische, liberale und demokratische Werte gegen den russischen Angriff verteidige. Der Krieg in der Ukraine habe eine gesamteuropäische, eine globale Dimension.

In Hannover trifft seine Bitte auf offene Ohren. Im Anschluss an Klitschkos Rede zeigen sich die Lokalpolitiker tief bewegt von den Schilderungen aus Kiew. Onay schlägt dem Rat einen Solidaritätsfonds vor, ausgestattet von Stadt und mit Spenden. Aus dem Fonds könne akut Hilfe geleistet werden. Zudem regt Onay an, den Wiederaufbau der Ukraine zu unterstützen. Dafür könne Knowhow aus der Verwaltung und dem Portfolio kommunaler Unternehmen eingesetzt werden. Auch die Hannover Messe solle der Ukraine Präsentationsfenster öffnen.

Klitschko: „Wir sind alle Geisel des Kreml“

Die Ukraine führe keinen Angriffskrieg, betont Klitschko in seiner Ansprache. „Wir verteidigen unsere Heimat, wir greifen keinen an.“ Beispielsweise müssten Waffenlieferungen in diesem Kontext verstanden werden – davon brauche man mehr. Auch Deutschland sieht er in der Pflicht. „Es geht für uns um Leben und Tod.“ Dabei sehe man sich nicht im Konflikt mit dem russischen Volk – im Gegenteil, seine eigene Mutter sei Russin, betont Klitschko. Vielmehr sei man durch die aggressive Außenpolitik von Wladimir Putin, den Klitschko als „kranken Mann“ bezeichnet, existentiell bedroht.

Jeder in Deutschland und Hannover müsse an seiner Stelle helfen, den Krieg zu beenden, und dabei eine aktive Rolle spielen. „Wir kämpfen auch für jeden von Euch.“ Klitschko wendet sich direkt an die Ratsmitglieder: „Bleiben Sie nicht passiv“, ruft er ihnen zu. „Wir sind alle Europäer, wir sind alle Geisel des Kreml und von Putin.“ Das russische Volk müsse die Effekte des Kriegs zu spüren bekommen – nur so ließen sich die russische Propaganda enttarnen und ein Wandel einleiten. Die Wirtschaftssanktionen und die „Leichen russischer Soldaten“ seien dafür Hebel.

Besonders pikant wird Klitschkos Rede, als er darauf hinweist, dass jede finanzielle und wirtschaftliche Beziehung zu Russland auf den Prüfstand zu stellen sei. Denn ursprünglich sollte in der heutigen Stadtratssitzung über die Ehrenbürgerschaft von Exkanzler Gerhard Schröder diskutiert werden. Schröder ist aufgrund anhaltender, persönlicher wirtschaftlicher Verbindungen in die russische Gasindustrie in die Kritik geraten. In der aufziehenden Debatte kam Schröder einer Aberkennung seiner Ehrenbürgerschaft allerdings zuvor, indem er sie selbst zurückgab.

„Ich muss zu den Feuerwehrleuten“

Wie viele tausend Zivilisten in der Ukraine dem Krieg bereits zum Opfer gefallen sind, lasse sich nicht beziffern, meint Klitschko. Der Bürgermeister erzählt von Familienvätern, Musikern und Ärzten, die nun in den Krieg ziehen. Bewaffnet erwarteten sie den Sturm auf ihre Stadt. Sie seien bereit zu kämpfen und zu sterben – für ihre Stadt, für ihre Familie, für ihre Kinder und für die Zukunft ihres Landes. Täglich erlebten sie Bombenexplosionen und Raketeneinschläge. Dann endet seine Rede. „Ich muss zu den Feuerwehrleuten.“

Info

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a.erb@stadtvonmorgen.de

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