Die Kommunen rasen auf einen Personalmangel zu. Was können sie tun, um den Arbeitskräftemangel abzumildern? Das sagt Volker Halsch von PwC.

Vor einer zunehmenden Personalnot in den öffentlichen Verwaltungen warnte der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) vor wenigen Tagen zum Jahresauftakt bei der Bundespressekonferenz. Laut DStGB scheiden in den nächsten zehn Jahren mehr als 500.000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst der Kommunen aus. Das entspricht etwa 30 Prozent des Personals. Derweil prognostiziert die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland die aus der demographischen Entwicklung resultierende Personallücke im gesamten öffentlichen Sektor bis 2030 auf eine Million offene Stellen. Was können Kommunen tun, um den Arbeitskräftemangel abzumildern und ihm vorzubeugen? Darüber spricht Volker Halsch mit #stadtvonmorgen. Halsch ist Senior Advisor bei PwC Deutschland und der globalen PwC-Strategieberatung „Strategy&“. Während seiner politischen Karriere war er unter anderem 2002 bis 2006 Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.

Mangel in allen Bereichen, nicht nur bei Spezialisten

#stadtvonmorgen: Herr Halsch, wenn Sie auf die Fachkräftesituation schauen: Wie ist die Lage in den Kommunen?

Volker Halsch: Es brennt an vielen Ecken und Enden. Der üblicherweise verwendete Begriff „Fachkräftemangel“ suggeriert bei manchen, es würden nur Spezialisten fehlen. Das ist aber mitnichten der Fall. Es zeichnet sich ein breites Problem, was die Stellenbesetzung betrifft, ab. Es erstreckt sich auf alle Bereiche der Arbeitswelt und wird aufgrund des demographischen Wandels von Jahr zu Jahr größer. In unserer PwC-Studie „Fachkräftemangel im öffentlichen Sektor“ haben wir errechnet, dass bis 2030 insgesamt eine Million Stellen unbesetzt bleiben. Dies gilt für den gesamten öffentlichen Sektor, doch die Kommunen spielen darin natürlich eine herausragende Rolle. Denn zum einen findet sich hier ein Gros der Beschäftigten und zum anderen wird hier die „Arbeit vor Ort“ erledigt. Insofern ist die Personalsituation alarmierend.

#stadtvonmorgen: Sie sprechen von der Verwaltungsarbeit „vor Ort“. Welche Auswirkungen hat es denn auf die Lebenswelt der Menschen, wenn für die Erledigung dieser Arbeit das Personal fehlt?

Volker Halsch: Die Auswirkungen können mannigfaltig sind. Für die Bevölkerung sind sie insbesondere an den Schnittstellen zur Verwaltung spürbar. Im kommunalen Bereich könnte es etwa sein, dass die Notfallleitstelle dünner besetzt ist und damit in Notfällen Rettungsdienste schwerer erreichbar sind. Ähnliches gilt für das Bürgercenter mit der Folge, dass Bürger auf Verwaltungsleistungen wie die Ausstellung eines Personalausweises lange warten müssen. Ich denke auch an Kindergärten, die als Gebäude vorhanden sind, aber wo es schlicht zu wenig Betreuungspersonal gibt, worunter die Angebote leiden. Die Beispiele zeigen: Hier geht es nicht um Luxus, sondern um Basisarbeit, die nicht mehr oder nicht mehr in der gewohnten Qualität erfüllt werden kann. Hinzukommt das Phänomen, dass in der Vergangenheit bisweilen administrative Themen oder Herausforderungen mit zusätzlichem Personal gelöst wurden. Gab es neue Aufgaben, wurde dafür oft eben neues Personal eingestellt. Zukünftig wird dies kurzfristig in vielen Fällen aber nicht mehr ohne weiteres möglich sein.

Digitalisierung kann Arbeitseffizienz erhöhen

#stadtvonmorgen: Welches sind denn Stellschrauben, an denen Kommunen drehen können, um die Situation abzumildern?

Volker Halsch: In unserer Studie haben wir dafür zehn Handlungsempfehlungen identifiziert. Diese adressieren nicht alle die kommunale Ebene, sondern auch die Politik auf höheren staatlichen Ebenen, beispielsweise die Rentenpolitik des Bundes. Mit Blick auf die kommunale Handlungsebene gibt es zwei Stoßrichtungen. Erstens muss es darum gehen, das Angebot an Arbeitskräften zu sichern und zu erhöhen. Das zielt auf die Aufstellung der jeweiligen Kommune als Arbeitgeberin ab, wie sie ihre Personalgewinnungs- und Einstellungsprozesse gestaltet, ob sie etwa Quereinsteigern Chancen bietet, und welche Maßnahmen sie ergreift, um gewonnene Mitarbeiter möglichst lange gesund und motiviert an Bord zu halten. Zweitens muss es darum gehen, die Effizienz der Verwaltungsarbeit zu erhöhen. Das hat zu einem hohen Maße mit der Digitalisierung von Fachverfahren zu tun. Es gilt, die Arbeit ohne Qualitätsabstriche möglichst effizient zu erledigen. Darüber hinaus kann es noch weitere Maßnahmen geben, die die Personalsituation entkrampfen. Beispielsweise sollte die Option, Dienstleister einzubinden, um kurzfristige Herausforderungen zu lösen, durchaus im Instrumentenkoffer liegen.

#stadtvonmorgen: Sie meinen externe Dienstleister?

Volker Halsch: Ja. Das geht natürlich nicht in allen Bereichen der Daseinsvorsorge. Aber ein typischer Fall ist das telefonische Servicecenter. Oder die Coronakrise: Hier stellte sich eine aktuelle Herausforderung, die unvorhersehbar zu einer Aufgabenspitze führte, für die schnell Kapazitäten aufzubauen waren. Als PwC haben wir hier einige Kommunen unterstützt, etwa bei der Auszahlung von Coronahilfen. Ein solches Instrument eignet sich klassischerweise, um Spitzen abzufedern. Grundsätzlich müssen die Kommunen allerdings an den beschriebenen eigenen Stellschrauben drehen, was die Aufstellung der Verwaltung betrifft.

Interkommunale Kooperation kann Ressourcen entlasten

#stadtvonmorgen: Kann interkommunale Kooperation helfen? Am Beispiel von Smart-City-Anwendungen zeigt es sich ja, dass Kooperationen geradezu geboten sind, um Entwicklungsressourcen zu sparen und die Entwicklungsarbeit zu optimieren. Oder wäre die interkommunale Zusammenarbeit eher ein Fall für kleine als für große Städte?

Volker Halsch: Ja, interkommunale Kooperation kann helfen, einzelne Ressourcen zu entlasten. Nein, das ist nicht nur Thema für die kleinen Städte. Es gibt ja auch Fälle, in denen Bundesländer kooperieren und wechselseitig Aufgaben übernehmen. Natürlich ist das auf kommunaler Ebene vorstellbar. Gerade, wenn es um gleiche Aufgaben geht, bei denen die Bürger nicht vor Ort erscheinen müssen. Dass in vielen Bereichen der Digitalisierung übergreifende, gemeinsame Lösungen geschaffen und Standards gesetzt werden, weist in genau diese Richtung.

#stadtvonmorgen: Die interkommunale Kooperation ist aber nicht der Stein der Weisen.

Volker Halsch: Nein, den gibt es auch nicht. Unsere Studie zeigt ja, dass es nicht die eine Maßnahme gibt, um das Problem umfänglich zu lösen, sondern dass eine Kommune immer ein ganzes Maßnahmenbündel einsetzen muss und keines der möglichen Instrumente ausschließen darf. Jede einzelne Maßnahme trägt einen Teil dazu bei, das Problem abzumildern. In der Regel sind sich die Kommunen dessen bewusst. Gleichwohl ist es wichtig, diesen Aspekt stets zu betonen.

Bund und Länder setzen den strukturellen Rahmen

#stadtvonmorgen: Gerade läuft die Diskussion um den Rechtsanspruch auf Ganztagesplätze in der Grundschule, der 2026 kommen soll. Die Kommunen befürchten, die Vorgaben personell nicht erfüllen zu können. Wäre das Absenken von Standards eine Lösung, um dem Personalengpass entgegenzuwirken?

Volker Halsch: Unabhängig von der genannten Diskussion: Natürlich hängen Personalbedarf und Aufgabenstellung immer miteinander zusammen. Die Entscheidung über Letztere treffen aber die Politik und der Gesetzgeber. Die Politik führt auch die Debatten über gewollte Standards und deren Realisierbarkeit. Dazu gehört – nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem stärker werdenden Personalmangel – die Auseinandersetzung mit der Frage, ob es hilfreich sein kann, in bestimmten Fällen den Kommunen weniger zentrale Vorgaben zu machen und mehr lokale Handlungsspielräume zuzugestehen.

#stadtvonmorgen: Wie lautet Ihr Fazit: Haben die Kommunen in Sachen Personalmangel überhaupt nennenswerten Handlungsspielraum, oder befinden sie sich im Teufelskreis, und alles, was sie tun, bleibt nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein?

Volker Halsch: Von Teufelskreis würde ich nicht sprechen. Die Kommunen müssen sich wappnen und ihre Stellschrauben drehen, um vernünftig durch die nächsten Jahre zu kommen. Dazu brauchen sie Schützenhilfe von Ländern und dem Bund, die die strukturellen Rahmenbedingungen setzen – Stichworte: Rentenpolitik und Zuwanderung. Auf übergeordneter Ebene käme den Kommunen sicher eine Employer-Branding-Strategie für den öffentlichen Sektor zugute. Vor Ort hingegen müssen sie all ihre Möglichkeiten nutzen, Personal und Nachwuchs aufzubauen sowie ihre Kräfte zu sichern.

Wo der Bund gefragt ist: Zuwanderungs- und Rentenpolitik

#stadtvonmorgen: Stichwort: Zuwanderung. Eine Lösung?

Volker Halsch: Dafür gibt es gute Beispiele, etwa in der Pflege. Für den kommunalen Handlungsradius sehe ich die Zuwanderung aber nicht – von einzelnen eher auf das Stadtmarketing bezogenen Beispielen für Anwerbungsversuche abgesehen – als eine maßgeblich zu beeinflussende Stellschraube an. Das Thema Zuwanderung und die Frage, wie diese zu gestalten ist, ist vor allem auf der Ebene des Bundes aufgehoben. Der Bund setzt hier die Rahmenbedingungen im Sinne des Arbeitsmarktstandorts Deutschland.

Info

Die PwC-Studie „Fachkräftemangel im öffentlichen Sektor“ ist online hier zu finden

a.erb@stadtvonmorgen.de

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