Städte stehen vor der Herausforderung, eine nachhaltige, zukunftsfähige Mobilität zu gestalten. Digitale Instrumente können dabei helfen.

Überlastete Straßen und innerstädtische Staus: Der Autoverkehr ist für viele Städte eine immense Belastung. Die Idee der „autogerechten Stadt“, der sich die Stadtplanung in den 1960er Jahren unterordnete, ist längst keine zeitgemäße mehr. Vielleicht war sie von Beginn an verfehlt. Heute sehen sich Stadtlenker vielmehr vor der Herausforderung, das Auto zurückzudrängen und wieder mehr Platz zu schaffen für Menschen. Für die auto- und emissionsarme Stadt sprechen vielerlei Gründe: etwa die Aufenthaltsqualität in der City, die Stadtgestaltung, der Klimaschutz. Mit jedem Verkehrskollaps in der Rush Hour gewinnt eine ausdifferenzierte Verkehrsplanung stadtstrategisch an Relevanz. Dafür liefert die Digitalisierung neue Instrumente.

Urbane Mobilität als „Musterbeispiel“ für die Smart City

Michael Kimberger (Quelle: Urban Mobility/Smart City/Deutsche Telekom)

Michael Kimberger (Quelle: Urban Mobility/Smart City/Deutsche Telekom)

Gerade die Verkehrssteuerung sei eines der Felder, auf denen sich mit digitalen Lösungen relativ schnell Effekte erzielen ließen: „Im Bereich der Mobilität wird die Smart City am schnellsten greifbar“, sagt Michael Kimberger. Kimberger leitet den Bereich „Urbane Mobilität und intelligente Beleuchtung“ in der Smart-City-Unit der Telekom. Er erarbeitet in der Schnittmenge von Digitalisierung und Verkehrsplanung mit Kommunen smarte Verkehrslösungen und moderne Mobilitätskonzepte. Die urbane Mobilität sei als Anwendungsfeld ein „Musterbeispiel“ dafür, wie Städte „smart“ werden und auf diese Weise konkrete Alltagsprobleme lösen können, meint Kimberger.

Dabei sei der Stadtverkehr einem „enormen Wandel“ unterworfen, so Kimberger. Denn die Verkehrswende ist nicht nur ein politisches Ziel. Im Kontext der Debatte um Luftreinheit und den Klimawandel ist das Streben hin zur auto- und emissionsarmen Innenstadt auch in weiten Teilen der Gesellschaft verankert. Zudem verzeichnen viele Städte eine zunehmende Verdichtung. So steigt die Konkurrenz um den öffentlichen Raum; von der Abkehr vom Automobil erhofft man sich folglich mehr Raum für anderes in der City. Hinzu kommt ein gewisser Marktdruck: Immer mehr Mobilitätsanbieter – vom Carsharing bis zum E-Scooter – schaffen Mobilitätsalternativen zum Auto.

Valide Datenbasis für digitale Verkehrslösungen

Städte, die die Mobilitätswende gestalten möchten, stünden also zunächst vor der Aufgabe, die mannigfaltigen Ansprüche an den öffentlichen Verkehrsraum und die Verkehrsbewegungen in der Stadt systematisch zu erfassen und zu analysieren, erklärt Kimberger. Grundlegend für belastbare Mobilitätskonzepte sei eine stabile Datenbasis, die verlässliche Informationen über das Verkehrsverhalten und die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen in der Stadt vermittelt. Dabei könnten sich die Kommunen digitaler Instrumente bedienen.

Smarter Parkplatz: Ein Bodensensor misst die Parkplatzbelegung. (Quelle: Urban Mobility/Smart City/Deutsche Telekom)

Smarter Parkplatz: Ein Bodensensor misst die Parkplatzbelegung. (Quelle: Urban Mobility/Smart City/Deutsche Telekom)

Der Smart-City-Experte spricht von einer Digitalisierung der Infrastruktur. Sensoren, Kameras, Induktionsschleifen oder Schranken könnten nicht nur für die Verkehrssteuerung eingesetzt werden, sondern seien auch wichtige Instrumente für die Datenerfassung hinsichtlich des Mobilitätsverhaltens in der Stadt. Um ihre Aussagekraft zu steigern, ließen sich Datenquellen wie diese mit weiteren Informationen kombinieren: etwa den Fahrgastzahlen, die Aufschlüsse über die Auslastung von ÖPNV-Angeboten auf bestimmten Routen geben, oder der Nutzungsintensität von privaten Sharingdiensten. Genauso gebe die Frequentierung von Parkplätzen Hinweise auf Verkehrsflüsse in einer Stadt.

Vom digitalen Zwilling zum intermodalen Knotenpunkt

Das Ziel der Datensammlung sei es, eine belastbare Grundlage für die Modellierung der Bewegungsmuster und Pendelbezüge zu schaffen. So entwickele man für die Stadt ein Mobilitätsmodell, einen sogenannten digitalen Zwilling. Anhand dieses Modells ließen sich Maßnahmen planen, mit denen sich Mobilitätsströme beeinflussen lassen und der Autoverkehr reduzieren lässt, erklärt Kimberger.

Als konzeptionellen Ansatz nennt er das Beispiel von Mobilitätsstationen. Diese Stationen dienen in der Stadt als intermodale Knotenpunkte zwischen verschiedenen Mobilitätsformen – etwa einer Haltestelle des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), Carsharingangeboten, E-Scooter- und Fahrradleihen oder einem Parkplatz. Sie sollen unter anderem Pendlern das Umsteigen auf den Umweltverbund erleichtern, indem sie verschiedene Verkehrsangebote bündeln und miteinander vernetzen.

Dabei zeige sich die Wichtigkeit der Datenerhebung als Grundlage zur Einrichtung einer solchen Mobilitätsstation: Welche Standorte sind hinsichtlich der Verkehrsbewegungen in der Stadt dafür am besten geeignet? Zwischen welchen Orten finden besonders relevante Verkehrsströme statt? Und wie lassen sich die Verkehrsangebote optimal an der Mobilitätsnachfrage ausrichten? Fragen wie diese müssen zuerst beantwortet werden, um einen optimalen Standort für die Mobilitätsstation und ein den lokalen Mobilitätsbedürfnissen angepasstes Angebot zu finden.

Kommunikation wesentlich für smarte urbane Mobilität

Doch die Mobilitätsplanung ende nicht bei Konzeption und Bau, betont Kimberger. Auch die Kommunikation und die Darstellung der Angebote seien für den Erfolg der Maßnahmen wesentlich. Hier würden die Vorzüge digitaler Instrumente in der Smart City ebenfalls offensichtlich.

Exemplarisch verweist Kimberger auf digital gesteuerte Hinweise im Stadtraum, etwa die Fahrgastanzeigen des ÖPNV oder Displays von Parkleitsystemen. Für die Transparenz der Verkehrsangebote biete sich außerdem eine Mobilitäts-App an. Mit deren Hilfe ließen sich in die Routenplanung nicht nur aktuelle Verkehrs- und Staudaten einbeziehen, sondern auch unterschiedliche, miteinander vernetzte Mobilitätsangebote als Alternative zum Automobil.

Park-and-Ride-Parkplätze im „Dornröschenschlaf“

Allerdings könne es keineswegs darum gehen, den Autoverkehr vollends auszublenden, unterstreicht Kimberger. Nach wie vor bleibe das Auto ein Faktor der urbanen Mobilität. Dies müssten entsprechende Konzeptionen selbstverständlich berücksichtigen. Es gehe also letztlich um eine Gewichtung der Verkehrsmittel in der Stadtplanung. In diesem Zusammenhang könnten Park-and-Ride-Parkplätze eine Renaissance erfahren, meint der Smart-City-Experte.

Vielerorts sind Park-and-Ride-Parkplätze für bestimmte Events, etwa Fußballspiele oder Festivals, an den Stadtgrenzen angelegt. In der Zeit zwischen einzelnen Ereignissen stehen sie allerdings leer und schlafen einen „Dornröschenschlaf“, so Kimberger. Oftmals seien sie auch „dunkle Löcher“. Gerade deshalb biete sich eine Kombination digitaler Mobilitäts- und Beleuchtungslösungen an, die den öffentlichen Raum heller, sicherer und komfortabler machen. Im Sinne einer nachhaltigen Mobilität lohne es sich, das Flächenpotential der Park-and-Ride-Parkplätze intensiver zu nutzen. „Für den Mobilitätswandel vor Ort kann dies ein essentielles Thema sein.“

Solche Plätze, die meist an den regionalen und überregionalen Autoverkehr angebunden sind, seien oftmals bestens für die Einrichtung von Mobilitätsstationen geeignet. Denn hier könnten auf dem Weg in die City Knotenpunkte für den Umstieg vom Automobil auf den Umweltverbund entstehen. Genau wie bei der Planung von Mobilitätsstationen seien für einen solchen Ausbau von Mitfahrer- oder Park-and-Ride-Parkplätzen die Digitalisierung der Infrastruktur, die Schaffung einer validen Datengrundlage und smarte Kommunikationstechnologien zentrale Erfolgsfaktoren.

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