„Wir brauchen Natur in der Stadt“, sagt OBM Fritz Kuhn. Die Stadt Stuttgart forciert ihre grüne Infrastruktur und definiert den Begriff.

Wie viele Metropolen verzeichnet Stuttgart eine extreme Verdichtung der City. Warum angesichts dieses Drucks dennoch eine „Renaturierung der Städte“ geboten ist, wie das funktionieren kann und welche Verantwortung die Städte hinsichtlich klimatischer Veränderungen haben, erklärt der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Für die baden-württembergische Landeshauptstadt definiert Kuhn den Begriff der „grünen Infrastruktur“. Das Interview stammt aus dem Jahr 2018 und ist gedruckt in der OBM-Zeitung erschienen. Für die Onlineveröffentlichung 2020 wurde es leicht überarbeitet.

Grüne Infrastruktur für die Lebensqualität der Stadt der Zukunft

Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Quelle: Landeshauptstadt Stuttgart)

„Es geht darum, vorausschauend Antworten zu finden auf die Veränderung der Welt“, sagt Stuttgarts OBM Fritz Kuhn. (Quelle: Landeshauptstadt Stuttgart)

OBM: Herr Kuhn, 50 Prozent des Stuttgarter Stadtgebiets ist „grün belegt“ mit Wald, Landwirtschafts-, Erholungsflächen und Weinbergen. Wie sehr trüben die Baustellenemissionen von „Stuttgart 21“ und die Debatte um Luftreinheit mit Stuttgart als einem Hotspot dieses Bild einer grünen Metropole?

Fritz Kuhn: Zunächst einmal empfinden wir den hohen Anteil von Wäldern, Parks, Landwirtschaft und Weinbergen als sehr positiv. Dieses Alleinstellungsmerkmal wollen wir bewahren und achten daher genau darauf, es nicht durch Bauvorhaben zu beschneiden. Stuttgart ist eine grüne Großstadt. Da wir die grünen Potentiale schätzen und gleichzeitig urban wachsen, setzen wir im Wohnungsbau neben der Aufsiedlung bereits beschlossener Entwicklungsflächen wie dem Neckarpark und dem Rosenstein-Quartier auf eine qualitätsvolle und klimaverträgliche Nachverdichtung. Die allgemeine klimatische Entwicklung führt künftig dazu, dass sich Innenstädte bei sommerlichen Temperaturen zunehmend aufheizen werden. Unter anderem darauf wollen wir mit der Gestaltung einer grünen Infrastruktur reagieren, um die Lebensqualität der Stadt für die Zukunft zu sichern. Den Begriff der „grünen Infrastruktur“ verwenden wir bewusst.

Jedes Gebäude sollte die grüne Frage beantworten können

OBM: Was meinen Sie konkret damit?

Fritz Kuhn: Grüne Infrastruktur bedeutet, dass wir das Thema ganzheitlich betrachten. Es geht nicht darum, punktuell im Sinne von Inselgrün zu wirken. Wir wollen eine regelrechte Infrastruktur schaffen und urbane Grünzonen in einen Zusammenhang setzen. Es gilt, Maßnahmen in ihrer Wechselwirkung zu begreifen, egal ob neue Biotope angelegt, Bäume und Hecken gepflanzt, Fassaden begrünt werden oder sich Bürger beim Urban Gardening engagieren. Investoren, die in Stuttgart bauen wollen, müssen sich fragen lassen, wie sie mit dem Thema Grün umgehen. Jeder Plan für ein neues Gebäude sollte diese Frage beantworten können. Die Gestaltung einer grünen Infrastruktur heißt nicht, einem Trend folgen oder „nur etwas schöner“ machen zu wollen. Wir sehen es als überlebenswichtig für Städte an, welche Vorsorge sie im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung treffen. Insofern handelt es sich um ein essentielles kommunales Thema.

OBM: Elf Millionen Euro hat Stuttgart im Doppelhaushalt 2018/19 zusätzlich ins Stadtgrün investiert. Daran knüpft auch der folgende Doppelhaushalt 2020/21 an. Doch gleichzeitig wird in vielen urbanen Zentren um jeden Quadratmeter gerungen, Preise für Boden und Wohnraum steigen dramatisch. Wieso ist es dennoch geboten, innerstädtische Flächen grün zu „belegen“?

Fritz Kuhn: Ziel unserer Stadtplanung ist, dass es in der Innenstadt keinen Straßenzug ohne Grün geben soll. Da geht es durchaus um Ästhetik und innerstädtisches Flair, aber auch um Lebens- und Wohnqualität sowie klimatische und damit gesundheitliche Aspekte. Selbstverständlich geht es auch um ökologische Ziele und darum, die Biodiversität in der Stadt zu erhöhen.

Die Gestaltung des Lebensraums Stadt: Engagement aus der Bürgerschaft

OBM: Aber ist es überhaupt primäre Aufgabe einer Kommune für Lebensräume, Artenvielfalt, Biodiversität und den Erhalt der ökologischen Systeme zu sorgen? Ist dies nicht eher die einer Umweltschutzorganisation? Welchen Beitrag kann Stadtgrün dabei überhaupt leisten – ist das lokale Engagement für Nachhaltigkeit, gemessen an teils globalen Prozessen, nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Fritz Kuhn: Das sehe ich als eine zentrale Aufgabe einer Kommune an: die Gestaltung des Lebensraums Stadt. Dies stärker zu erkennen hat durchaus mit einem Bewusstseinswandel zu tun. Ich meine, wenn wir als Stadt die richtigen Themen setzen, werden andere mitmachen. Genauso lernen wir als Verwaltung in der täglichen Praxis Neues dazu. Beispielsweise haben wir aus der Bürgerschaft Hinweise zur Optimierung der Intervalle unserer Wildblumensaat erhalten. Das Thema zieht immer weitere Kreise. Mittlerweile gibt es an zahlreichen Orten in der Stadt sogenannte Bienenhotels. Übrigens beherbergt auch Winfried Kretschmann im Garten seines Amtssitzes Bienen, genauso wie die Stadt auf dem Rathausdach. Als Stadt wollen wir Vorreiter sein, um als Impulsgeber Engagement zu fördern. Dazu gehört auch, Ansprechpartner zu sein und zu beraten.

OBM: Sie sprechen das Engagement der Stadtgesellschaft beim Urban Gardening an. Wie wichtig und vor allem wie nachhaltig ist dieses Engagement, oder handelt es sich dabei vielleicht lediglich um einen aktuellen, vorübergehenden Trend?

Fritz Kuhn: Immer weniger Menschen haben einen eigenen Garten. Es geht deshalb darum, Flächen zur Verfügung zu stellen und entsprechende Beratungsangebote zu schaffen, um dem Thema zum Erfolg zu verhelfen. Hier haben wir sehr kreative Ansätze. Ein Erfolg ist etwa der Garten auf dem Dach eines Parkhauses, wo Urban Gardening betrieben wird. Urban Gardening hat in der Bürgerschaft eine breite Wirkung: Es bringt Menschen zusammen, vermittelt Wissen über ökologische Zusammenhänge, lässt die Stadt aufblühen und nutzt dem Klima.

OBM: Aber als wie langfristig schätzen Sie dieses Bürgerengagement ein?

Fritz Kuhn: Ich glaube, dass es von Dauer sein wird. Es gibt eine immense Nachfrage nach Flächen und Projekten. Zudem wird das Thema getragen von Einrichtungen wie Kitas und Schulen, die ihre Gärten gestalten und diese pädagogisch nutzen. Manche Kinder haben in einem solchen Garten ihren ersten Kontakt mit Erde, Regenwürmern und Schnecken. Dies unterstreicht den hohen Stellenwert von Stadtgärten.

OBM Kuhn: „Wir brauchen eine Renaturierung der Städte“

OBM: Der Aufbau oder die Entwicklung grüner Infrastruktur bedarf allein aufgrund biologischer Wachstumsperioden der Geduld. Stehen diese Zeitspannen nicht im Widerspruch zum Streben nach kurzfristigen stadtpolitischen Erfolgen?

Fritz Kuhn: Dafür bin ich ja ein Grüner, weil ich nachhaltig denke. Es geht darum, vorausschauend Antworten zu finden auf die Veränderung der Welt. Da sehe ich die Kommunen in der Verantwortung, auch wenn viele Probleme global sind. Denn die Klimaerwärmung betrifft eine Stadt mit den topographischen Voraussetzungen wie Stuttgart mit ihrer Kessellage besonders. Wenn wir jetzt nicht anfangen, uns konkret damit zu beschäftigen, werden wir uns in einigen Jahren fragen lassen müssen, warum wir dies unterlassen haben. Weltweit wird es für die Lebensqualität in den Metropolen immer wichtiger, dass und wie die jeweilige Stadt atmet. Angesichts dessen brauchen wir die Natur in der Stadt. Wir brauchen eine Renaturierung der Städte. Das heißt nicht, dass wir aufhören sollten zu bauen, sondern dass wir den Stellenwert des Grüns in der Stadtentwicklung stärken sollten.

OBM: Noch einmal zur Eingangsfrage: Stuttgart ist geprägt durch ein grünes Image. Wie antworten Sie auf den Gegensatz zur zumindest äußeren Wahrnehmung vom Baustellenlärm am Bahnhof oder der Debatte um Luftreinheit in der City?

Fritz Kuhn: Stuttgart ist viel mehr als nur eine Baustelle oder die Debatte um Luftqualität. Stuttgart ist eine lebendige Kulturstadt. Und eine besonders grüne dazu. Dieses Profil erhalten wir und wollen es stärken. Dazu wird auch eines Tages der neue Bahnhof einen Beitrag leisten, wenn auf den heutiges Gleisflächen das neue Rosenstein-Quartier entsteht.

Info: Kein Widerspruch zwischen Grün und Großstadt

Stuttgart hebt den vermeintlichen Widerspruch zwischen Grün und Großstadt auf. Die Metropole versteht sich als „grüne Großstadt“. Dafür hat der Gemeinderat eine Konzeption auf den Weg gebracht, die mit einer signifikanten Erhöhung der Finanzmittel einhergeht. Rund elf Millionen Euro wurden im Doppelhaushalt 2018/19 zusätzlich für die grüne Infrastruktur bereitgestellt. Das Garten-, Friedhofs- und Forstamt erhielt im Zuge dessen 30 neue Personalstellen. Diesen Weg beschreitet die Stadt weiterhin.

Das Stuttgarter Leitbild einer grünen Großstadt ist angelehnt an das „Weißbuch Stadtgrün“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Es definiert das Stadtgrün als „unverzichtbare Infrastruktur“ und „maßgeblich“ für die Lebensqualität und die Daseinsvorsorge der Bevölkerung.

Sein hoher Stellenwert sei insbesondere in einer Multifunktionalität begründet: Öffentliche Grünflächen, Parks, Wälder oder Friedhöfe seien beispielsweise stadtbildprägende und identitätsstiftende Orte der Begegnung und des sozialen Zusammenhalts. Sie böten Erholungs- und Freizeiträume, dienten der Aktivität und Gesundheit, nähmen ökologische Funktionen an und sorgten für eine Attraktivitätssteigerung von Quartieren – insbesondere in Zeiten einer zunehmenden Verdichtung in Metropolen.

Die Maßnahmen in Stuttgart zur Gestaltung der grünen Infrastruktur sind mannigfaltig. Es geht beispielsweise um die Anlage und Pflege von Blumenwiesen, die Herrichtung von Parks, Grün- und Spielanlagen, um Lückenschlüsse in vorhandenen Alleen oder um die Schaffung von Lebensräumen als Rückzugsgebiet für Insekten in der Stadt. Letztlich stärkt die Landeshauptstadt mit ihrem Leitbild den Stellenwert ihres Grüns für die Stadtentwicklung. Grundlegend dabei ist die Vernetzung von Grünanlagen. So soll ein regelrechtes „grünes Netz“ entstehen, das im urbanen Raum verwurzelt ist und ihn sichtbar durchdringt.

Die Entwicklung der grünen Infrastruktur der Stadt ordnet sich in das im Dezember 2019 durch den Gemeinderat verabschiedete Aktionsprogramm Klimaschutz „Weltklima in Not – Stuttgart handelt“ ein. Mit ihrem 200 Millionen Euro starken Pakt verfolgt die Stadt das Ziel, bis spätestens 2050 klimaneutral zu sein. Dazu gehört unter anderem, je Doppelhaushalt 1.000 weitere Bäume und 25 Kilometer Hecken zu pflanzen sowie zehn Hektar blühende Wiesen zu schaffen. Gleichzeitig soll im Zusammenhang mit dem Klimaschutzprogramm neben der grünen unter anderem auch die blaue Infrastruktur entwickelt werden.

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