#stadtvonmorgen: Herr Palmer, wie groß ist die Wohnungsnot in Tübingen? Haben Sie aktuelle Zahlen?
Boris Palmer: Im Bestand unserer städtischen Wohnungsbaugesellschaft befinden sich rund 2.100 Wohnungen. 2.000 Menschen stehen derzeit auf der Warteliste, viele nicht erst seit gestern. Das Problem der Verknappung und Verteuerung von Wohnraum gibt es schon seit Jahren, insofern freue ich mich, dass der Bund mit dem Bauturbo gegensteuern will. Schließlich geht es dabei auch um die Frage, ob ein Polizist, eine Krankenschwester oder ein Feuerwehrmann überhaupt noch die Chance hat, in der Stadt zu wohnen. Und es geht darum, wer noch dazugehört und wer nicht. Wenn wir hier nicht schnell eine Lösung finden, driftet die Stadtgesellschaft immer weiter auseinander.
#stadtvonmorgen: Was sind die Ursachen der Misere?
Boris Palmer: Die Ursachen für die Wohnungsnot von heute liegen auch in der Vergangenheit. In den 1990er Jahren wurde der soziale Wohnungsbau in vielen Regionen drastisch zurückgefahren oder ganz eingestellt. Dahinter stand die Annahme, dass Deutschland bald schrumpfen werde – eine Fehleinschätzung, wie wir heute wissen. In jüngerer Zeit ist dann noch eine Preisexplosion beim Bauen hinzugekommen. Immer mehr und strengere Vorschriften, höhere Standards, aber auch Materialknappheit und Fachkräftemangel – all das macht den Wohnungsbau unglaublich teuer. Und dann werden natürlich auch die Flächen immer knapper. Im Ergebnis ist der Mietpreis für eine neu gebaute Wohnung inzwischen fast doppelt so hoch wie der Durchschnitt aller Mieten. Ich denke, das zeigt, wie groß der Handlungsdruck ist.
#stadtvonmorgen: Kann der Bauturbo bei dieser schwierigen Ausgangslage helfen oder bleibt er am Ende Symbolpolitik?
Boris Palmer: Der Bauturbo ist nur ein Baustein, aber ein ganz entscheidender. Ich mache es mal konkret: In Tübingen benötigen wir für ein neues Baugebiet derzeit eine Planungszeit von sechs bis sieben Jahren. Mit dem Bauturbo können wir das ganze Verfahren auf zwei Monate verkürzen. Es geht aber nicht nur um mehr Tempo: Wir senken dadurch auch die Kosten. Die komplette Innenentwicklung kann profitieren. In vielen Städten haben wir oft sehr alte Bebauungspläne mit Vorschriften, die vor 70 Jahren passend waren, heute aber überholt sind. Bislang hatten die Kommunen nicht die Chance, diese zu modernisieren, weil der Aufwand dafür viel zu groß gewesen wäre. Mit dem neuen Bauturbo können wir das unkompliziert angehen. In Tübingen fallen mir eine ganze Reihe von Gebieten ein, in denen ein solcher Ansatz den Wohnungsbau schnell ankurbeln würde.
#stadtvonmorgen: Die Planungszeiten sollen von aktuell fünf bis sechs Jahren auf zwei Monate verkürzt werden. Ist das überhaupt realistisch?
Boris Palmer: Ja. Wir haben ja bei der Genehmigung von LNG-Terminals während der Energiekrise gesehen, wie viel schneller wir werden können, wenn es dazu keine Alternative gibt. Kommt der Bauturbo, kann der Gemeinderat in Zukunft einfach beschließen, wo gebaut werden darf – und das weitgehend frei von Restriktionen. Statt auf der Grundlage einer Vielzahl von Gutachten zu entscheiden, wird es auf den politischen Willen der gewählten Abgeordneten ankommen. Wir werden so nicht nur weniger Personal in der Stadtverwaltung binden. Das Bauen wird auch billiger, weil die langen Verfahrenszeit von heute höhere Kosten nach sich ziehen.
#stadtvonmorgen: Kritiker sagen, dass der Bauturbo Umweltstandards gefährden könnte. Teilen Sie diese Sorge?
Boris Palmer: Ich kann die Bedenken verstehen. Aber gewählte Stadträte werden sich sehr genau überlegen, welche Grünflächen erhalten bleiben müssen oder wie neue Wohnungen aussehen müssen, um zum Stadtbild zu passen. Aber machen wir uns nichts vor: Der Handlungsdruck ist so groß, dass wir Abstriche machen müssen. Am Ende werden wir nicht alle Wünsche zu 100 Prozent berücksichtigen können. Sonst werden gar keine neuen Wohnungen mehr gebaut.
#stadtvonmorgen: Was können Kommunen denn selbst tun, um den Wohnungsbau anzukurbeln?
Boris Palmer: In Tübingen haben wir sehr gute Erfahrungen mit der Objektförderung gemacht. Anders als der Bund, der mit dem Wohngeld einzelnen Mietern unter die Arme greift, fördern wir den Bau von Wohnraum.
#stadtvonmorgen: Warum das?
Boris Palmer: Ganz einfach. Wir sind überzeugt, dass die Zahlung von Wohngeld die Probleme auf dem Wohnungsmarkt verschärft, weil es den Anstieg der Mieten weiter begünstigt. Kurz gesagt können die Vermieter von den Mietern mehr Geld verlangen als diese selbst zu zahlen in der Lage wären. Unser Ansatz ist daher ein anderer: Wer in Tübingen Wohnungen bauen will, muss mindestens 30 Prozent Sozialwohnungen bauen. In bestimmten Fällen müssen sogar noch weitere 30 Prozent zum Höchstpreis des Mietspiegels preisgebunden angeboten werden. Kommunen können über die Baulandentwicklung durchaus Einfluss nehmen auf die Preisentwicklung beim Wohnungsbau.
#stadtvonmorgen: Städte und Gemeinden sollten also nicht warten bis der Bauturbo beschlossene Sache ist?
Boris Palmer: Nein, Kommunen sind die Hauptakteure beim Wohnungsbau, aber der geltende Rechtsrahmen bremst sie aus. Aktuell ist die Situation so, dass Kommunen, die mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen wollen, viele unnötige bürokratische Hürden nehmen müssen. Dass der Bund diese nun Stück für Stück abbauen will, halte ich für richtig und überfällig.
#stadtvonmorgen: Wenn Sie den Bauturbo selbst gestalten dürften: Was müsste unbedingt mit rein?
Boris Palmer: Für mich ist das Entscheidende, dass der Gemeinderat auch tatsächlich das letzte Wort hat und nicht die Stadtverwaltung. In Tübingen werden wir das auf jeden Fall sicherstellen.
Ariane Mohl ist Redakteurin im Public Sektor des F.A.Z.-Fachverlags. Für die Plattform #stadtvonmorgen schreibt sie über die Energiewende in den Städten und Gemeinden. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Digitalisierung. Die Politikwissenschaftlerin arbeitet seit rund 20 Jahren als Journalistin. Vier Jahre lang war sie als Redakteurin für den Neuen Kämmerer tätig. Nach fünf Jahren bei der Zeitung für kommunale Wirtschaft (ZfK) ist sie seit Juli 2025 wieder für den F.A.Z.-Fachverlag im Einsatz.

